#Me Too

Shibaherz
Beiträge: 21125
Am Montag 30.7. steht vor dem Supreme Court in New York die nächste Verhandlungsrunde an gegen Harvey Weinstein, guter Freund der Clintons und Produzent bzw. Executive Producer von Kino-Kassenschlagern wie „Der englische Patient“ (1996 ), „Shakespeare in Love“ (1998 ) und „The King´s Speech“ (2010). Er ist angeklagt wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung, sexueller Tätlichkeit u. a. Delikte, vor einer „Grand Jury“ (die nach am. Strafprozessrecht darüber entscheidet, ob die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweise eine Anklage wegen eines Verbrechens rechtfertigen oder nicht). Der Prozess zieht in der Öffentlichkeit fast mehr Aufmerksamkeit auf sich als die gemutmaßte russische Einmischung in den letzten Präsidentschaftswahlkampf.

Vor Gericht geht es nur darum, ob die strittigen sexuellen Handlungen einvernehmlich erfolgten oder nicht. Weinstein behauptet natürlich ersteres.Wenn ein Filmproduzent (oder irgendein anderer männlicher Entscheider über Job und beruflichen Aufstieg) gegenüber einer Nachwuchs-Schauspielerin (oder irgendeiner für ihn attraktiven Mitarbeiterin) deutlich macht: „Du bekommst die Rolle/den Posten nur, wenn Du Dich zu Sex mit mir zu meinen Bedingungen einverstanden erklärst“, und sie akzeptiert das, wie widerwillig auch immer, dann ist das fraglos moralisch zu verurteilen (meiner persönlichen Überzeugung nach nach beiden Seiten hin); aber handelt es sich dann um erzwungenen Sex, eine strafbare Handlung? (Vergewaltigung ist natürlich anders zu beurteilen.)

Die Feministinnen, denen bei ihrer Kampagne das Verhalten Weinsteins als Aufhänger diente (Beschuldigungen von inzwischen 80 Schauspielerinnen) stellen nicht die juristische Frage, sondern die generelle des Machtgebrauchs und Machtmissbrauchs in den Fokus. Nach ihrer Theorie benutzte der Filmmogul nicht seine Machtposition, um den gewünschten Sex und Lustgewinn haben zu können, sondern er praktizierte Sex, um seine Macht zu demonstrieren, sowohl Opfern wie Konkurrenten gegenüber.

Bin mir noch nicht ganz schlüssig über die Bewertung dieser Protestbewegung. Die Frauen, die sie anstießen, wurden vom US-Magazin „Time“ zur „Person des Jahres“ gekürt. Merkel ließ gratulieren.

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Man sieht nur mit dem Herzen gut.Das wesentliche ist für die Augen unsichtbar (Antoine de Saint-Exupéry)
Zuletzt geändert am 23.07.2018 14:50 Uhr
weckener
  • Halbstarker
Beiträge: 571
+ 1
Natürlich geht es hier nicht um Sex an sich, sondern um Machtmissbrauch!!! Ist völlig egal in was für eine Sparte, ob ein Firmenchef, ein Filmmogul, jedenfalls ein Machtmensch, der damit seine Macht beweisen kann, indem er sexuelle Handlungen verlangt, die nicht freiwillig angeboten werden. Wenn beide Lust dazu haben, dann ok, wird der eine gezwungen, dann ist das zu verurteilen. Denn dann ist es nichts anderes als eine Vergewaltigung. Wie das Wort schon sagt, "Gewalt!" und Macht ausüben.
Ich habe auch schon solche Situationen erlebt, ich habe gesehen, wie Firmenchefs auf Betriebsfeiern ihre Angestellten bedrängt haben und waren diese schwach, haben sich einen Vorteil versprochen, sind sie mitgegangen. Um später festzustellen, sie sind in eine Falle geraten, von den Versprechungen blieb nichts, dafür wurden sie lächerlich gemacht... Meist kam die Kündigung....

Es sind die Machtmenschen (wobei auch einige Frauen darunter sind), die glauben sie können sich alles erlauben! Weil sie die Macht haben!!!! ich habe schon zu oft erlebt, wie solche Menschen ticken, da gibt es keine Entschuldigung und verharmlosend kann ich das auch nicht sehen!
Catalou
  • Rudelbeschützer
Beiträge: 2006
Die 'Metoo Aktion und ihre weltweiten Folgen wird als die größte Revolution seit den 70iger Jahren bezeichnet. Ich meine, dass niemand damit gerechnet oder daran geglaubt hätte, dass zB. in Österreich ein hochrangiger Politiker wegen sexueller Belästigung an Frauen zurücktreten wird. Sexuelle Belästigung war/ist Alltag, trotzdem es bereits ein Gesetz gibt, dass sexuelle Belästigung zu bestrafen ist.Zumindest bis zu Beginn der #metoo Aktion hielt sich die Umsetzung in Grenzen.Warum? Weil die Betroffenen nach einer Anzeige aus der Anonymität traten und es oft zu Mobbing gegen die sexuell belästigte Frau kam und letztlich zu einem Jobwechsel.Frau hatte also selbst nichts falsch gemacht, wurde Opfer eines Übergriffes und musste dennoch die Konsequenzen ziehen. Verständlich, dass sich viele diesen Schritt überlegten und es oft sein ließen.Wenn man aber nicht die Einzige ist, auf die sich alle Augen richten, sondern sich eine immer größer werdende Gruppe öffentlich wehrt, konnte ein Macht-und Machokaliber wie der Filmmogul Weinstein vom Podest gefegt werden.Die #metoo Debatte hat eine unglaubliche Sprengkraft, aber es ist interessant, wie Menschen, die sich gerade nach oben in ihrer Laufbahn kämpfen, auf diese Diskussion reagieren, wenn man sie öffentlich befragt. Es kommt zu einer kühlen Distanzierung die heißt: Ich weiß von nichts, mir ist so etwas nie passiert. Da ist schon Solidarität zuviel.Allerdings kommt nach und nach zum Vorschein, worum es geht: Will man Erfolg,hält man besser den Mund und spielt mit.
Zuletzt geändert am 23.07.2018 19:23 Uhr
Shibaherz
Beiträge: 21125
+ 1
Naja. „Revolution“ scheint mir doch etwas übertrieben.
Anfang der 70er Jahre, Catalou, als Du noch gar nicht auf der Welt warst, da war ich auch mit auf der Straße (obwohl ich nicht abgetrieben habe). Ich habe aber die Devise „Mein Bauch gehört mir“ nicht als revolutionär, sondern als selbstbezogen, individualistisch empfunden.

Die tradierte Frauenverachtung reicht weit zurück; schon in der Bibel werden Ehefrauen neben Haus und Vieh zum Besitz des Mannes gezählt. Es hat sich bei uns im Bereich des Geschlechterverhältnisses viel verändert, seit die Frauen nach dem 1. Weltkrieg das politische Wahlrecht erhielten.
Ich bin dafür, sich darüber klar zu werden, was in diesem Bereich „Zwang“ bedeutet, und dagegen, sich immer nur als „Opfer“ zu begreifen. Und alles in einen Topf zu werfen.

Geht es um Vergewaltigung, bin ich für empfindliche Strafen. Vergewaltigung war früher in der Ehe ganz selbstverständlich straffrei. Hier hat sich das öffentliche Bewusstsein bereits verändert.
Auch dass ausdrücklich (mündlich; in schriftlicher Form scheint eine solche Koppelung ausgeschlossen) das berufliche Vorankommen von Frauen an die sexuelle Gefügigkeit dem Chef oder anderen Entscheidern gegenüber gebunden wird, dürfte heute eher die Ausnahme sein. Eine solche Erpressung durch die Kopplung von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben, gehört dann aber auch mMn publik gemacht. Da bin ich ganz bei Dir. Da kann dann auch, falls es zu Mobbing kommt, Solidarität von Gleichgesinnten eingefordert werden.

Wenn es dagegen um Übergriffigkeit, Belästigung, Grapscherei, Anmache geht – da wünsche ich mir einfach mehr (individuelles) Selbstbewusstsein von Frauen. Und ich bin mir eben nicht sicher, ob dieses wünschenswerte weibliche individuelle Selbstbewusstsein durch so eine Kampagne befördert wird oder ob sie nicht eher einen Schrei nach Schutz durch den „patriarchalischen“ Staat darstellt: „Ich bin auch ein Opfer!“
Der im Hinblick auf die alltägliche und konkrete Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen doch wenig bewirken kann.

Was Du über Karrierefrauen und ihre Einstellung zu sexueller Belästigung schreibst, stimmt leider. Sie kopieren männliche Machtstrategien. Mimikry. Es ist eben die Frage, ob Macht auch weiblich, d. h. als nicht gegen andere gerichtet, gedacht werden kann.

Am Donnerstag 26.7. 20:15 gibt es auf Phönix eine Sendung zu Harvey Weinstein und der #MeToo Bewegung.

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Catalou
  • Rudelbeschützer
Beiträge: 2006
+ 2
Bei den Frauen, die #meToo ins Leben gerufen haben, handelt es sich in erster Linie um "Hollywood-Stars", die ihre Karriere schon gemacht haben und keine Repressalien mehr fürchten müssen.
"Lieschen Müller" wird es nach wie vor nicht wagen, sich zur Wehr zu setzen, wenn sie vom Boss angemacht wird.
Und das "Allerwitzigste"daran ist, dass manche Damen Übergriffe als Kompliment betrachten. Diejenigen, die wirklich Hilfe nötig hätten, bleiben übrig, wenn sie sich keinen Rechtsanwalt leisten können.
Ich frage mich gerade, ob die #meToo Aktion nicht ein Schuss ins Knie ist.
weckener
  • Halbstarker
Beiträge: 571
+ 2
@Catalou, das sehe ich auch so.... Nur die ihre Karriere hinter sich haben, können an die Öffentlichkeit gehen, die andern müssen den Mund halten oder sie sind als Lügnerin abgestempelt und haben in der Branche keine Zukunft...
Ob das Zimmermädchen aus New York, das den großen Banker angezeigt hat heute noch in dem Hotel arbeiten darf, ob sie den Job nicht mehr machen darf, weil niemand sie einstellt?
Es muss genaustens überlegt werden mit wem man sich anlegt... Die Machtmenschen haben meist die besseren Anwälte und das Opfer steht als Lügner dann da, unglaubwürdig. Die Rechtslage ist zwar eindeutig, aber Recht haben und bekommen sind zwei Paar Schuhe....
Wenn es Machtmenschen es darauf anlegen, bist Du der Dumme, kann Dein Leben ruinieren...
Die Kampagne ist gut, damit das Thema wieder an die Öffentlichkeit kommt, aber geschehen wird wieder nichts, große Sprüche, Heuchelei, aber es bleibt wie es ist!
Shibaherz
Beiträge: 21125
Mir scheint bei der Bewertung dessen, wie sich das Geschlechterverhältnis politisch, d. h. im Verhältnis zur Macht, heute darstellt, ein wenig Differenzierung angebracht.
Es ist eben die Frage, wie „MeToo“ gemeint ist: „Wir waren alle Opfer“? Oder: „Wir sind alle Opfer“? Oder: „Wir wollen nicht mehr Opfer sein?“
Damit will ich überhaupt nicht bestreiten, dass es (immer noch) so etwas wie Alltags-Sexismus gibt, ausgeübt von Männern in allen sozialen Schichten, die ihrerseits da nichts dabei finden.
Und es gibt sexuelle Übergriffigkeit als Machtmissbrauch weiblichen abhängig Beschäftigten, gerade auch Berufsanfängerinnen, gegenüber.
Es gibt aber auch, seit 1968, eine anhaltende öffentliche Debatte und Auseinandersetzung zur Gestaltung des Geschlechterverhältnisses.

Im privaten Bereich beschloss der Bundestag erst 1997 (!) mit 470 : 138 Stimmen, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen. Noch 1966 begründete der BGH sein abweisendes Urteil folgendermaßen:
„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen … versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“

Die #MeToo-Bewegung stellt aber vor allem auf die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ab.
Dazu gibt es in Deutschland seit 2006 das Antidiskriminierungsgesetz (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, AGG), das den Arbeitgeber auch verpflichtet, Beschäftigte vor sexueller Belästigung zu schützen. Das Gesetz geht auf EU-Richtlinien zurück. Es wurde vom Bundestag 2005 mit 443:111 Stimmen angenommen. Da die Frauen in der 16. Wahlperiode nur 31,6 % der Abgeordneten stellten, muss auch die Mehrheit der Männer zugestimmt haben.

In der Praxis werden die Dinge entweder totgeschwiegen oder intern, z. B. durch Versetzung, geregelt. Dem männlichen Machtmissbrauch korrespondiert die weibliche Angst.


Und trotz der politischen Fortschritte kann sich ein Mann, der am Arbeitsplatz oder in seiner Stammkneipe selbst sexuelle Belästigungen praktiziert, natürlich unbeanstandet über sexuelle Übergriffe von Ausländern empören (Kölner Sylvesternacht 2015).

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