Thomas Baumann

Thomas Baumann, erfolgreicher Buchautor und renommierter Hundetrainer,
arbeitet seit rund 25 Jahren beruflich mit Hunden. Dabei hat er sich insbesondere auf den Umgang mit
so genannten Problemhunden und auf die Konditionierung von Spürhunden spezialisiert.
Zudem engagiert er sich als Gründer der Dogworld-Stiftung, Lebenshilfe für verwaiste Hunde,
für Tierheimhunde.
Zauberhafte Beziehung - Teil 5

Selbstbewusstsein kontra soziale Bindung


Irritiert stellen die Besitzer von auffallend selbstbewussten und dabei noch stark explorativ (neugierig) agierenden Hunden fest, dass der soziale Bezug des Vierbeiners zum Zweibeiner vergleichsweise gering ausgeprägt ist. In der Tat hat ein solch selbstbewusster „Weltenbummler“ in der Regel eine geringere soziale Bindungsintensität als ein weniger selbstbewusster Hund, der durch die soziale Nähe seines Besitzers ein erhöhtes Gefühl an sozialer Sicherheit und Geborgenheit empfindet.




Besonders selbstbewusste und explorative Hunde mit hohem Erkundungsdrang, sogenannte „Weltenbummler“ vergessen häufig Zeit und Raum.Dies kann im Einzelfall zu Problemen im sozialen Bindungsaufbau führen.







Das kann für alltagsrelevante Situationen eine Erhöhung der Gehorsamsanforderungen beim auffallend selbstbewussten Hund nach sich ziehen. Oder dessen Besitzer leitet einen strategisch ausgeklügelten Umlenkungsprozess ein, der den Fokus des „Weltenbummlers“ im Alltag mehr und mehr zu einer wertvollen „Besitzerorientierung“ lenkt.Eine ausgezeichnete Möglichkeit bietet in diesem Zusammenhang die Zielobjektsuche (ZOS). Dabei handelt es sich um eine Premium-Variante der Nasen- oder Schnüffelarbeit, die sich inhaltlich an der stark auslastenden Spürarbeit von Polizeihunden orientiert. Bei der Zielobjektsuche sucht der Hund weder Futter, Spielzeug noch irgendwelche Dummies. Vielmehr wird seine Suchleidenschaft auf beliebige, scheinbar unbedeutende Kleinstgegenstände gelenkt (bis 1-Cent-Größe). Die Gegenstände werden auch nicht aufgenommen, sondern der Hund verweist sie durch Hinlegen (Platz).Der Hundebesitzer ist bei der Zielobjektsuche Dreh- und Angelpunkt für das Verhalten des Hundes. Er versteckt den Gegenstand, er koordiniert die Suche seines Hundes und er bestätigt seinen Vierbeiner nach erfolgreicher Suche. Jetzt darf selbstverständlich neben sozialen Lobeinheiten auch eine positive Verstärkung der Handlungsbereitschaft durch Futter oder Spielzeug sein. Allerdings nach dem Motto „weniger ist mehr“!
br />Durch diese gemeinsame Arbeit entstehen besondere gegenseitige Sympathien und der Fokus des Hundes erfährt einen positiven Umlenkungsprozess.Mehr zum Thema Zielobjektsuche können Sie im Kapitel 6 des Buches erfahren.

Wichtige Regeln zur Erhöhung der Bindungsintensität


Distanz schafft Bindung! Nach diesem Grundsatz lässt sich die Bindungsintensität der allermeisten „gesättigten“ Hunde deutlich erhöhen. Vierbeiner, die wohlwollend mit sozialer Zuneigung überhäuft werden, danken dies nicht mit sozialer Bindung sondern viel eher mit sozialer Distanz. Therapeutisch wertvolle Schritte entstehen deshalb dann, wenn der Zweibeiner seinerseits die soziale Kommunikation in bestimmten Alltagssituationen einschränkt. Einschränkung ist allerdings nicht mit Abbruch gleichzusetzen. Sichtlich irritiert und überrascht reagieren viele Hunde beispielsweise, wenn der Besitzer – im Gegensatz zu sonstigem Verhalten – den auf ihn zugehenden Hund eben nicht immer begrüßt oder sozial anspricht sondern stattdessen auch mal ignorierend links liegen lässt oder ihn gar wegschickt. Solche soziale Irritationen sind nicht dramatisch für eine Beziehung sondern erhöhen erfahrungsgemäß den freiwilligen sozialen Kommunikationswillen und somit die Bindungsbereitschaft des Hundes.

Eine weitere wichtige Regel richtet sich an die permanenten „Nachläufer“, die schattengleich jede Fortbewegung ihres Besitzers neugierig und kontrollierend im Wohnbereich begleiten. Selbst auf der Toilette müssen sie scheinbar dabei sein. Doch draußen vor der Tür entwickeln sie eine ungeahnte Eigendynamik und haben nicht mehr das geringste Interesse an einem sozialen Austausch mit dem Besitzer. Hier hat sich eine Anbindevorrichtung, erfahrungsgemäß besser als eine Box oder ein Käfig, bewährt. An einem strategisch irrelevanten Bereich in der Wohnung wird der Hund mittels dieser Anbindevorrichtung zeitweilig separiert und kann nicht mehr nach Lust und Laune den Aktivitäten des Besitzers folgen. Auch diese Form einer erzwungenen, zeitweiligen Distanzierung führt häufig zu mehr sozialer Aufmerksamkeit im Freilauf.

Stressanfällige Hunde wie unser Fallbeispiel Dorian, die bei Verunsicherung und Angst zum Weglaufen (auch vor dem Besitzer) neigen, lassen sich in den meisten Fällen zu einer positiven Konfliktkanalisierung konditionieren. Die Konfliktlösung lautet nicht mehr: Nichts wie weg sondern infolge eines veränderten Verhaltens durch den Besitzer: Schnellstens zu Herrchen oder zu Frauchen.Dieser Umlenkungsprozess erfordert eine rigorose Verhaltensumstellung der betroffenen Zweibeiner. Der naturgegebene Instinkt vieler Hunde, einem bevorstehenden Konflikt durch Flucht zu entgehen, kann sehr wohl durch einen passenden und geschickten Wechsel zwischen konsequentem und autoritärem >du läufst nicht mehr weg sondern zu mir< und einem warmen und sanften >bei mir bist du sicher und es geht dir gut< erfolgreich umgelenkt werden.Doch sollten die Begriffe Strenge und Autorität nicht mit Brutalität gleichgesetzt werden. Genauso haben andererseits soziale Wärme und Sanftheit nichts mit Vermenschlichung und tröstenden Mitleidsszenarien zu tun.

Abschließend noch ein weiterer wichtiger Ratschlag. Folgen Sie ob der Fülle unterschiedlichster Ratschläge und Patentrezepte doch einfach mal Ihrem Bauchgefühl beziehungsweise der sogenannten Intuition. Die Intuition kann gerade dann hilfreich sein, um dem unübersichtlichen Wirrwarr an häufig pseudofachlichen Hinweisen und Informationen unbeschadet zu entgehen.
Wenn Sie das (Bauch-)Gefühl haben, dass sich Ihr Vierbeiner Ihnen gegenüber in seinem sozialen Verhalten weder gedrückt oder wie geprügelt noch respektlos oder gar abweisend verhält, dann können Sie auch davon ausgehen, dass eine harmonische Balance im sozialen Miteinander tatsächlich gegeben ist.In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im Umgang mit Ihren Hund eine glückliche Hand.
Weitere Kolumnen von Thomas Baumann
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Ist das wirklich so?
Im zweiten Teil von Freiheit oder Chaos spricht Thomas Baumann über das verzerrte Bild einer Welpenerziehung: "Mit einem völlig falschen Verständnis für Sozialisation lassen Hundebesitzer ihre Welpen zu fremden Menschen hinlaufen. Dort werden sie hingebungsvoll betätschelt, geknuddelt und letztlich noch mit Leckerli „versorgt“."
In seinem Buch "Ich lauf´schon mal vor..." bringt uns Thomas Baumann den weiten der Hundeerziehung einen großen Schritt näher. Auf dogSpot werden wir einige interessante kapitel kostenlos zur Verfügung stellen und beginne mit dem ersten Teil des Kapitels: Freiheit oder Chaos
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