Michael Grewe

Michael Grewe ist einer der bekanntesten Hundetrainer im deutschsprachigen Raum und
Mitbegründer sowie Inhaber von Canis-Zentrum für Kynologie. Seine Arbeit beschränkt sich
keineswegs nur auf die Hundeausbildung. Neben der Arbeit mit schwierigen und
aggressiven Hunden, ist er auch als Dozent und Autor tätig.
Hundeerziehung in Deutschland
Im folgenden Text möchte ich einige meiner Gedanken und Erfahrungen, die ich als Hundetrainer in 25 Jahren sammeln konnte, dem Leser zur Diskussion stellen. Meine kritischen Erläuterungen hierbei sind nicht gegen den einzelnen Hundetrainer bzw. Verhaltenstherapeuten als Person oder gegen eine einzelne Hundeschule gerichtet, sondern sollen vielmehr den „Zeitgeist“ in Bezug auf Hundeerziehung in unserer Gesellschaft ansprechen (ich bin ein Teil davon!).

Die Namensgebung der einzelnen Personen oder Einrichtungen, die mit Menschen und deren Hunden arbeiten, geht von Hundetrainer, Hundeerzieher und/oder Verhaltensberater über Verhaltenstherapeut und Kynopädagoge bis hin zum intellektuell anmutenden Tierpsychologen.

Zur Vereinfachung werde ich im weiteren Artikel den Begriff „Hundetrainer“ für alle o.g. Bezeichnungen als Sammelbegriff benutzen, auch wenn die Bezeichnung Hundetrainer evtl. über die tatsächliche Tätigkeit hinweg täuschen könnte.

Unter allen Tätigkeitsbezeichnungen gibt es solche und solche, also gute und schlechte Hundetrainer. Wie im richtigen Leben und folglich in allen Berufsbereichen. Nichts besonderes eben.

Hundetrainer üben eine oder mehrere spezielle Tätigkeiten aus. Aber welche?


Trainieren sie Hunde oder Menschen im Bereich des Hundesports oder der sinnvollen Beschäftigung von Hunden? Bilden sie Hunde zu Spezialisten im Diensthundewesen, Blindenführhundewesen oder im Servicehundebereich aus? Bieten sie Welpengruppen an und führen diese Arbeit in Junghundegruppen fort? Bieten sie Hundeerziehung lediglich im Sinne einer Begleithundeprüfung an? Ist es sogar Erziehung problematischer Hunde, die sich dann gegebenenfalls mit der Tätigkeit des Verhaltenstherapeuten überschneidet? Oder philosophieren und mutmaßen die Tierspychologen über das, was Hunde denken und fühlen?

Ob nun Hundetrainer, Hundeerzieher und/oder Verhaltensberater,Verhaltenstherapeut, Kynopädagoge oder Tierpsychologe, was hinter den beschreibenden oder auch nur wohlklingenden Bezeichnungen tatsächlich steckt, kann nicht eindeutig benannt werden. Jedermann kann sich so nennen und dann kann er in der Ausführung auch noch machen, was er für richtig hält.


Selbst wenn ein Hundetrainer in einem Inserat verspricht, für die Arbeit mit „problematischen Hunden“ qualifiziert zu sein, was heißt das schon? Es gibt etliche Ansätze mit problematischen Hunden zu arbeiten.


Auch der Hundetrainer, der „Verhaltenstherapie“ anbietet, sagt damit noch lange nicht auf welche Art und Weise er den Hund therapiert. Verhaltenstherapie ist ein weites Feld. Und was steckt inhaltlich hinter dem Angebot einer „Welpengruppe“?
Wissen Sie es?

Das Chaos der Begrifflichkeiten und Inhalte löst sich sicherlich auch nicht auf, wenn man die Bezeichnungen zunehmend verintellektualisiert oder morgen neue Kunstbegriffe schafft, die auf eine fachliche Kompetenz verweisen sollen. Zumal diese Kompetenzen sehr subjektiv und emotional beschrieben werden können.

Es geht also um Definitionen. Der eher sachliche Vorgang, die Arbeitsinhalte von Hundetrainern verbindlich zu beschreiben und dieser Tätigkeit einen ebenso verbindlichen Namen zu geben, ist längst überfällig. Solange eine unabhängige, übergeordnete Institution dafür nicht zur Verfügung steht, die Definitionen anzugehen, werden weiterhin unklare, emotional verfärbte und schlichtweg falsche Begriffe und Inhalte beschrieben werden.

Dieses wenig professionelle Vorgehen lässt sich sicherlich mit dem freien und ungeregelten Markt erklären. Dienstleistung ist ja nicht nur schön, sondern auch von der Tatsache abhängig, die Angebote so zu präsentieren, dass neue Kunden aquiriert werden. Dabei kann es passieren, dass man nicht unbedingt fachlich korrekt ist oder das sagt, was der Kunde gerne hören möchte. Spätestens hier ist es meiner Meinung ein Nachteil, wenn es um Dienstleistung und einen relativ begrenzten Markt geht.

Wenn sich der Trainer einer Welpengruppe mit einem Trainer für problematische Hunde unterhält, treffen, obwohl beide erst einmal Hundetrainer sind, zwei Welten aufeinander. Ich kann zur Zeit nicht davon ausgehen, dass sich die beiden Hundetrainer fachlich miteinander so unterhalten können, dass sie sich verstehen. Reden sie von denselben Dingen? Was geschieht, wenn sich in diese Unterhaltung der Hundetrainer einschaltet, der ausschließlich Agility anbietet. Das wird vermutlich ein sehr kompliziertes Gespräch. Der Welpentrainer hat seine Welpen vor Augen und ist mehr als in den anderen Sparten des Hundetrainings darauf angewiesen, dass die Kunden weiter erzählen: „Da können Sie beruhigt hingehen. Der Welpentrainer ist sehr nett zu den Welpen und die Welpen haben eine Menge Spaß!“

Das kann der Hundetrainer für problematische Hunde nicht unbedingt für sich in Anspruch nehmen. Nett sein und Spaß haben tauchen hier in einem ganz anderen Kontext auf. Wenn überhaupt!

Der Agilitytrainer ist fein raus. Eigentlich kommen zu ihm die Hundehalter, die ihren Hund auf diese Art beschäftigen oder gerichtet Sport mit ihrem Hund machen möchten. Wer die Szene kennt, weiß, dass Erziehung oder soziale Aspekte hier nicht im Vordergrund stehen. Auch wenn es sicherlich Bereiche gibt, in denen sich Hundesport und Erziehung überschneiden können.

Es gibt unendlich viele Hundeschulen und Hundetrainer, die sich ihre Definitionen selbst zusammen reimen. Da werden unhaltbare Behauptungen aufgestellt und fragwürdige Zusammenhänge konstruiert, bunte Bilder mit Worten gemalt und alles mit einer emotionalen Beilage garniert. Selten geht es um das Fachliche. Es geht meist mehr um eine Mischung aus schon mal Gehörtem, Gelesenem und Gefühltem. Immer in Anlehnung an den Dienstleistungscharakter unserer Tätigkeit als Hundetrainer.

Bücher schreiben darf jeder


Apropo Gelesenes. Jeder Mensch kann und darf ein Buch über Hundeerziehung schreiben. Fast hat man den Eindruck, dass es auch jeder tut. Ganz gleich, ob derjenige erst einen eigenen, zumeist problemlos zu erziehenden Hund hatte. Sicher ist ein Buch ein wirtschaftlich interessanter Sprung in die breite Masse. Aber um welchen Preis? Ich behaupte, dass Sie in den meisten Büchern über Hundeerziehung ausser fachlichem Getue und emotionalem Populismus, nichts wirklich fundiertes finden werden. Sie lesen drei dieser Bücher und sind dermaßen durcheinander, fühlen sich schuldig und unfähig. Oder Sie sind derart inspiriert, dass Sie morgen auch eine Hundeschule aufmachen. Ist ja alles ganz einfach mit der Hundeerziehung. Vielleicht ein wenig überzeichnet, aber...?

Wenn Sie Bücher über Hundeerziehung gelesen haben, werden Sie zwingend feststellen, dass sogar der Begriff der Erziehung (und damit haben sich eine ganze Reihe schlauer Leute ernsthaft auseinandergesetzt!) jeweils in die Richtung manipuliert wird, die meinem Geschäftsmodell zuträglich ist. Es gibt immer noch Hundetrainer, die sich nicht bewusst darüber sind, wo der Unterschied von Dressur zu Erziehung fest zu machen ist. Hundeausbilder dressieren Hunde. Der Blindenführhund sei als ein Beispiel genannt. Sicher müssen Blindenführhunde auch erzogen sein, aber wo ist der Unterschied?

Was ist Erziehung


Um die aktuelle Situation um Hundeerziehung zu verdeutlichen, kann man mit einer ganz einfachen Fragestellung beginnen: „Was ist Erziehung?“
„Erziehung ist ein Prozess, der den zu Erziehendengesellschaftsfähig machen soll!“

Die Persönlichkeit des zu Erziehenden (Hunde sind auch Persönlichkeiten!) soll hierbei derart entwickelt werden,dass ein Kompromiss zwischen der Ausdehnung und Einschränkung der Persönlichkeit in einem förderlichem Kontext zur Gesellschaft zu sehen ist. Bei Menschen sind Reflexionen, Eigenverantwortung, Einsicht und Vernunft tragende Säulen dieses Prozesses. Bei kleinen Kindern und bei Hunden ist es mit Einsicht und Vernunft und erst recht mit der Eigenverantwortung so eine Sache. Wird es bei Kindern, wenn man Glück hat, irgendwann dazu kommen, dürfen wir bei Hunden von den ewig kleinen Kindern ausgehen. Die Verantwortung liegt zwingend bei den Eltern oder bei unserem Thema, bei den Hundehaltern!

Erziehung ist ein hochsozialer Akt und ist unter anderem geprägt durch Anstrengung, Reibung und das Vorhandensein vieler Konflikte. Die schönen Moment geben dann wieder Kraft, die Anstrengungen leisten zu können. Es ist naiv und fatal (oder sehr geschäftstüchtig!), ein Buch über Erziehung, speziell über Hundeerziehung zu schreiben und einen Titel zu wählen, der dem Leser suggeriert, dass Erziehung witzig und einfach ist und permanent Spaß macht Mütter wissen, was ich meine!

Von primären und sekundären Tugenden


Erziehungsinhalte richten sich immer nach der jeweiligen gesellschaftlichen Norm einer Zeit aus. Sie verändern sich also.Was sich aber nicht verändert, ist der Unterschied zwischen primären und sekundären Tugenden. In der Kindererziehung sind sekundäre Tugenden so etwas wie: Beim Essen nicht kleckern, Ellenbogen vom Tisch nehmen, aufrecht sitzen und nicht dazwischen Reden, wenn Erwachsene sich unterhalten! Auf den Hund projiziert sind sekundäre Tugenden so etwas wie: Fuß, Sitz, Platz oder auch Rolle vorwärts!

Sekundäre Tugenden sind nicht wirklich wichtig. Was macht es schon, wenn das Kind bei Tisch nicht aufrecht sitzt? Was macht es schon, wenn der Hund sich auf das Wort „Platz“ nicht hinlegt? Sekundäre Tugenden kann man in den Bereich des Formalismus einordnen, in den Bereich der Dressur. Aber ganz so einfach ist es nicht. Primäre Tugenden sind so etwas wie: Sich mitverantwortlich für andere Menschen fühlen, den Schwachen helfen und niemanden auszunutzen! Auf den Hund projiziert sind primäre Tugenden so etwas wie: Keine Jogger hetzen und niemanden beissen!

Was nützt der heutigen Gesellschaft ein Mensch, der vielleicht aufrecht am Tisch sitzt aber ausserhalb der Kontrolle die Oma vom Rad schubst? Was nützt der Hund, der vielleicht gut „Platz“ machen kann, aber das Kind beisst? In beiden Fällen nichts! Aber ganz so einfach ist es ja nicht! Und sekundäre Tugenden sind ja auch gar nicht mehr „modern“. Im Rahmen einer „partnerschaftlichen“ Definition der Beziehung Eltern und Kind als auch der Beziehung Hundehalter und Hund, gelten sekundäre Tugenden als unschön und der Umgang mit diesen Tugenden wird entweder vermieden oder falsch verstanden und falsch genutzt. Schuld ist niemand, ausser der Zeit in der wir leben!

Einen wesentlichen, aber leider verborgenen Aspekt haben die sekundären Tugenden allerdings heute wie damals immer noch. Sekundäre Tugenden stellen formale Elemente in der Erziehung von Hunden genauso wie von Kindern dar. Über diese formalen, eigentlich unwichtigen Verhaltensweisen (z.B. Kind: aufrecht sitzen, Hund: Platz machen) haben sowohl Eltern als auch Hundehalter die Möglicheit, aktiv Konflikte mit dem zu Erziehenden aufzusuchen. Dieses aktiv Konflikte aufsuchen ist jedoch gesellschaftlich verpöhnt. Falsche Vorstellungen von Harmonie und die aufreibende Anstrengung mögen einigeGründe dafür sein.

Das Zulassen, Aufsuchen und Aushalten von Konflikten über sekundäre Tugenden ist im Grunde eine soziale Diskussion. Eine Diskussion zwischen dem oder den Erziehern und dem zu Erziehendem um soziale Strukturen und soziale Kompetenzen. Wer kann hier einen Konflikt annehmen, ihn für sich entscheiden und den Stress dieser Situation produktiv für die Zukunft umsetzen?

Konflikte im Bereich seiner sozialen Verantwortung anzunehmen hat nichts mit Gängelei, Despotentum und Machtmissbrauch zu tun, auch wenn Missbrauch leider immer möglich ist.

Diese Fähigkeit, souverän und wissend um die sozialen Wechselwirkungen sich seinem Erziehungsauftrag zu stellen, ist etwas ganz wunderbares. Nicht unbedingt in dem Moment des Tuns aber zeitlich übergeordnet auf jeden Fall.

Soziale Sicherheit und Bindung


Das Wissen um klare soziale Strukturen, das Wissen um jemanden, der psychisch und physisch „über mir steht“, verschafft dem zu Erziehenden ein Gefühl der Sicherheit. In dieser sozialen Sicherheit kann sich sowohl Hund als auch Kind, eben als solche dementsprechend förderlich entwickeln. Dieses Wissen um Sicherheit und damit Geborgenheit ist ein elementares Merkmal einer „guten Bindung“ und gehört zum Kind und Hund sein dazu. Beim Kind weit mehr wert als Gummibärchen und Nintendo oder beim Hund das permanente Leckerligegebe und Bällchengeschmeisse.

Vieles kann man über Erziehung schreiben. Für meine Ausführungen ist es mir wichtig, den sozialen Aspekt, das aktive Einbringen des verantwortlichen Bindungspartners und die Konfliktlösung in den Vordergrund zu stellen. Für mich ist es selbstverständlich, dass Erzieher, wenn es angebracht ist, Freiräume zur Verfügung stellen. Freiräume stehen immer in Abhängigkeit zu Grenzen. Und über allem steht das Gefühl, die Wärme und Geborgenheit in einer Beziehung! Wir leben schon in einer merkwürdigen Zeit. Ist es ein Merkmal für Dekadenz, wenn eine Gesellschaft ihre Familien im TV prostituiert und Erziehungsprobleme, ob von Kindern oder von Hunden, zur Volksbelustigung anbietet? Die armen Kinder, die armen Familien! Bekommen Sie Geld dafür?



Der Hund als Partner


Wir erklären unsere Kinder und unsere Hunde zu Partnern! Hunde sind die heutigen Sozialpartner für viele Menschen. Welche Konsequenz hat diese moderne Bezeichnung für unseren Hund? Geht es ihm per se besser, wenn wir ihn Partner nennen? Es ist wieder eine Frage der Definition. Wie definieren wir eine Partnerschaft? Die Partnerschaft unsererseits zum Hund oder die Partnerschaft des Hundes zu uns? Gleiches Recht und gleiche Möglichkeiten für alle Beteiligten einer Partnerschaft?

Ohne jede Form der Abwertung eines sozialen Lebewesens, dass in seiner individuellen Entwicklung von einem Erzieher abhängig ist: Kinder bis zu einem gewissen Alter und Hunde (ihr Leben lang!) sind keine Partner! Eine Partnerschaft, wie ich sie verstehe, bedeutet, dass in der Regel beide Parteien ihre unterschiedlichen Möglichkeiten ausleben und ausbauen dürfen. Man trifft sich auf einer imaginären Ebene wieder, erlebt Gemeinsamkeiten und ist dann zusammen, wenn man Lust dazu hat. Wenn nicht, muss ich die Möglichkeit haben, mich für mich selbst zu entscheiden.

Kann ich Kinder und Hunde durch meine Wunschvorstellung einer Beziehung in diese Belastung zwingen? Verlieren sie nicht wesentliche Merkmale ihrer Kindheit, wenn ich sie zu Partnern erkläre. Ist die Erwartung einer Partnerschaft gegenüber Kindern und Hunden nicht eine belastende Überforderung, die Kinder und Hunde immer wieder in Verlegenheit bringt, Fehler machen zu müssen? Kompensieren wir mit der romantisierenden Beschreibung einer Partnerschaft nicht die Unfähigkeit einer Gesellschaft, Verantwortung für eine klare Erziehung zu übernehmen? Sollten Sie dennoch glauben, Sie lebten mit ihrem Hund in einer Partnerschaft, in einer symmetrischen Beziehung, dann beschreiben Sie mir doch mal ihr Gefühl,

wenn ihr Hund nach 5 Stunden gut gelaunt aus dem Wald zurück kommt. Sagen Sie mir, wie Sie sich eventuell fühlen würden, wenn ihr Hund ein Kind gebissen hat, weil er seinen Einzugsbereich ausdehnen wollte. Entspannt? Gleiches Recht für alle? Seien Sie froh, dass ihr Hund nichts von ihren partnerschaftlichen Gedanken weiß und Sie daraufhin ernst nimmt. Dann wird es bitter!

Im Bereich der Kindererziehung ist an vielen Orten ein konkretes, wichtiges Umdenken in Gange. Die Hundeerziehung ist davon weit entfernt.Auch wenn beobachtbare Paralellen im Bereich von Kinder- und Hundeerziehung eigentlich zu einer Anpassung führen müssten. Zwei Bücher haben mir in der letzten Zeit besonders gefallen: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden - oder die Abschaffung der Kindheit“ von Michael Winterhoff, Gütersloher Verlagshaus und „Lob der Disziplin - eine Streitschrift“ von Bernhard Bueb, Ullstein Verlag. In vielen Passagen dieser beiden Bücher tauschen Sie einfach die Begriffe Eltern gegen Hundehalter und Kind gegen Hund aus. Perfekte Literatur für den Hundetrainer. Zumindest helfen die Gedanken und Erkenntnisse, die beim Lesen aufkommen, die eigene Argumentation zu hinterfragen. Gründlichst!

Psychologisierung in der Hundeerziehung – oder:„Er beißt, weil er eine schlimme Kindheit hatte”


Zum Beispiel die Psychologisierung der Erziehung. Seit einigen Jahren nimmt diese Unsitte im Bereich der Hundeerziehung immer größere Ausmasse an. Stellen Sie sich einmal vor, ihr Hund weiß einfach nicht, was richtig oder falsch ist. Sie haben versäumt ihm zu erklären und dafür zu sorgen, dass er keinen Menschen beisst (oder stellen Sie sich ihren Nachbarn, der das Problem hat, vor). Anstatt nun ihr eigenes Versäumnis einzuräumen (oder das des Nachbarn), suchen Sie nach Gründen, die sich von ihnen und ihrem Erziehungsauftrag entfernen.

Sie psychologisieren das Verhalten ihres Hundes und in der Folge auch ihr notwendiges Tun. Das könnte in etwa so ablaufen: „Er hat den Menschen gebissen, weil...
... er als Welpe geschlagen wurde!
... seine Halter keine Zeit für ihn hatten!
... sein Kopfkissen zu hart war?!
... er als Welpe den Fettrand vom Kotelett essen musste!
... er Angst hatte!

Dann hat schon mal keiner Schuld, nicht wahr? Wenn einem so etwas fürchterliches widerfährt, dann... Ja, was dann? Ist es eine Suche nach Entschuldigungen? Oder macht es Erziehung besonders wertvoll, sich fortwährend in der Vergangenheit aufzuhalten? Ist derjenige, der, zumal vermutlich auch noch laienhaft, alles was geschieht psycholgisiert der kompetentere Erzieher? Nur weil die Angelegenheit jetzt auch noch kompliziert anmutet? Gibt eine unschöne Erfahrung in der Vergangenheit, ein Recht in der Zukunft anderen Schaden zuzufügen?

Ich will hier nicht zu simpel erscheinen. Sicherlich gibt er hier und da nachvollziehbare Ursachen für ein nicht angebrachtes Verhalten von Hunden, aber glauben Sie mir, die absolute Mehrzahl der Hunde, die als problematische Hunde in Erscheinung treten, sind schlichtweg nur unerzogen. Wie die meisten problematischen Kinder wohl auch. Sich in vielen Situationen selbst überlassen! Erst dann kommt die Suche nach dem Grund, der sich häufig vom Erzieher entfernt.

Viele meiner Kollegen werden mir bei folgender Beobachtung zustimmen: Je pädagogisch wertvoller ein erzieherischer Umgang mit dem Hund sein soll, desto schlechter sind diese Hunde häufig erzogen. Je lauter die Verfechter einer bestrafungsfreien Erziehung aufschreien, wenn ein Hund einmal in seine Schranken verwiesen wird, desto mehr nerven deren unerzogene Hunde die Mitmenschen. Ob man das auch auf Kindererziehung übertragen sollte, weiß ich nicht (kann mir aber ein Schmunzeln nicht verkneifen!).

Unterschiedliche Auffassung von „gut erzogen”


In diesem Zusammenhang stelle ich denn einmal die Frage: „Wie gut sind denn die angeblichen Erzieher erzogen?“ Das ist doch ein wichtiger Aspekt, denke ich.

Wenn die Erzieher von Hunden selbst nicht gut erzogen wurden, welche Inhalte geben sie denn weiter? Wenn ich im Zusammenhang mit meiner eigenen mittelmäßigen bis schlechten Erziehung keine Wahrnehmung für die sozialen Ansprüche anderer Menschen habe, für wen oder was und mit welchem Inhalt erziehe ich dann einen Hund? Manche Hundetrainer finden es vielleicht gar nicht so wichtig, ob der Hund auf das Bobbycar eines kleinen Kindes markieren darf oder nicht? Tut ja nicht weh!

Mir tut das weh! Zugegeben in einem anderem Zusammenhang.



Was ist wenn Hundetrainer da eine ganz unterschiedliche Auffassungen haben. Worüber streiten wir dann? Für den einen Hundetrainer ist vielleicht der ununterbrochen durch Unruhe nervende Hund schon gut erzogen, nur weil er gerade mal nicht beisst? Für den anderen Hundetrainer ist ein Hund vielleicht schon gut erzogen, wenn er nur jeden fünften Menschen auf dem Spaziergang anspringt? Für wieder einen anderen Hundetrainer ist der Hund gut erzogen, der eine Begleithundeprüfung vorweisen kann, auch wenn er zuhause die Familie tyrannisiert und nach Herzenslust Nachbars Hühner jagen geht? Jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung von „gut erzogen sein“.

Beschreiben wir noch einmal Erziehung als einen sozialen Prozess und koppeln unter diesem Aspekt die Fähigkeit Konflikte zu lösen an die erforderliche Qualität des Erziehers. In diesem Zusammenhang kann man relativ leicht erläutern, was denn auf jeden Fall „keine“ Erziehung ist.

Es ist keine Erziehung, keine Hundeerziehung, wenn der Hundetrainer dem Hundehalter vermittelt, er müsse seinen Hund mittels Leckerli oder den Balljunkiehund mittels Bällchen um das bevorstehende Problem herumführen. Der Konflikt, auch wenn der Notfall mir legitim erscheint, ist nicht angenommen worden. Man ist um den Konflikt herum gegangen.Wie soll der Hund so lernen, was richtig oder falsch ist? Bestandteil einer solchen Herangehens-weise ist zudem häufig die schleichende Verstärkung des eigentlichen Problems. Hier handelt es sich allenfalls um Trickserei und in Abhängigkeit von den Geschichten die der jeweilige Hundetrainer dazu erzählt („Sie sind jetzt die Wolfsmutter und haben das Rehbein im Maul, dann...!) ist es auch mal Gaukelei! Erziehung ist es nicht!

Desensibilisierung und Gegenkonditionierungund ihr Wert im realen Leben


Es ist keine Hundeerziehung, wenn Hundetrainer den Ansatz aus der Verhaltenstherapie, „Desensibilisierung und Gegenkonditionierung“, anwenden und den Hundehaltern vermitteln, dass sie sich ihrem Problem in kleinen Schritten nähern müssen, um im richtigen Moment ein neues Verhalten zu verstärken. Desensibilisierung und Gegenkonditionierung ist durchaus eine funktionale Sache. Unter Laborbedingungen! Unter standardisierten Bedingungen im Labor kann der Rahmen festgelegt und vor allem eingehalten werden. So kann man sein Ziel dann auch erreichen. Das bedeutet, dass hier nicht Hunde, die sich bei mir nicht angemeldet haben, meinen Weg kreuzen. Das bedeutet, dass ich unendlich viel Zeit haben muss und am Ende vermutlich erfolglos gearbeitet haben werde.Alle Menschen, die versucht haben, Desensibilisierung und Gegenkonditionierung auf jagende Hunde anzuwenden, werden mir Recht geben müssen. Es funktioniert nicht! Es hilft dem Hundetrainer, der seine Stundenpakete über das Prinzip Hoffnung verkauft!

Ein ernsthaft jagender Hund, in Anwesenheit eines laufenden Hasen und Blickkontakt zum Hasen ist nicht zu desensibilisieren. Und schon gar nicht Gegen zu konditionieren. Was soll er denn dann tun? Blümchen pflücken? Auch die Arbeit mit aggressiven Hunden ist über Desensibilisierung und Gegenkonditionierung grundsätzlich erfolglos. Ich sage bewusst grundsätzlich, weil es schon eine Ausnahme geben kann, auf die ich noch zurück kommen werde. Stellen Sie sich eine Welt vor, die nach Plan verläuft. Unschön für die Lebensqualität und schön für diesen Arbeitsansatz. Aber die Welt läuft nicht nach Plan. Der eine Hund, auf den ich nicht vorbereitet war, der quasi unabgesprochen meinen Weg kreutzt, wirft mich an den Anfang meiner Arbeit zurück. Immer wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, muss ich darauf achten, dass die Theorie dieser Arbeit berücksichtigt wird. Davon wissen aber die anderen Hunde nichts und kommen mir trotzdem entgegen, obwohl ich heute nicht so bei der Sache oder schlichtweg nicht vorbereitet war. Stellen Sie sich ein Leben in einer Stadt oder Gegend mit großer Hundedichte vor. Wie soll das gehen?

Nicht angepasstes Aggressionsverhalten ist grundsätzlich ein erzieherisches und kein verhaltenspathologisches Problem.Verhaltenstherapie findet aber nur Anwendung, wenn eine verhaltenspathologische Voraussetzung besteht, im weitesten Sinne krankhaftes Verhalten beobachtet werden kann. Also hat Therapie hier nichts zu suchen? Es gibt da einen kleinen Trick, den viele Verhaltenstherapeuten wissentlich oder unwissentlich benutzen. Deshalb habe ich auch bei einigen Ausführungen von „grundsätzlich“ gesprochen.

Desensibilisierung und Gegenkonditionierung macht Sinn bei der Arbeit mit ängstlichen Hunden. Es ist auch nicht abzustreiten, dass ängstliche Hunde sich aggressiv verhalten können. Tatsächlich ist dies jedoch relativ selten der Fall. Verantwortlich für diese Zickzackdiskussion sind abermals die Definitionen. Im Bereich der Verhaltenstherapie bei Hunden in Deutschland geht die gängige Lehrmeinung dahin, Angst in jedem Falle als Ursache von Aggressionen zu sehen. Ganz gleich, wann der Hund sich aggressiv verhält. Ursache ist immer Angst! Dies ist jedoch nur eine Meinung. In der Biologie und auch in anderen Wissenschaftsbereichen wird dies durchaus kontrovers diskutiert. Es gibt hier keine übergreifende, von allen Fakultäten anerkannte Lehrmeinung. Es gibt eine Menge Thesen und Fragen, die in Arbeit sind.


Der kleine Trick, den man hinter dieser Argumentation sehen könnte, besteht darin, diese vermutete Ursache von „Angst“ in den Vordergrund zu stellen und darauf eine Verhaltensstörung, ein pathologisches Verhalten aufzubauen. Hier ist der Hundetrainer dann nicht mehr zuständig, der Verhaltenstherapeut betritt die Bühne.

Aggression ist soziale Kommunikation, etwas ganz normales! Damit als Hund nicht umgehen zu können ist ein Erziehungsdefizit (sicherlich in Anlehnung an Genetik!). Kommunizieren will gelernt sein! Grenzenlosigkeit und Größenwahn bei Hunden haben nichts aber auch gar nichts mit einer psychlogisierten Vermutung in Bezug auf „Angst“ als Ursache zu tun. Erfolg kann auch einfach nur Spaß machen!




Es nützt dem Hund und dem Halter leider sehr wenig, wenn Hunde argumentativ krank geredet werden, nur damit die Tätigkeit Verhaltenstherapie ihre Anwendung findet.


Auch hier gibt es dringenden Bedarf umfassend für eine Abgrenzung der Tätigkeiten Verhaltenstherapie und Hundeerziehung zu sorgen. Dies muss jedoch wie bereits erwähnt von einer unabhängigen Stelle erfolgen. Sonst liegt der Verdacht nahe, dass man sich mit selbst gebas- telten oder idealisierten Definitionen die Fälle auf beiden Seiten selbst zuschieben will.

Verhaltenstherapie hat durchaus ihre Berechtigung und die Beschreibung von Verhaltensstörungen, auf die Verhaltenstherapie zutrifft, ist auch vorhanden. Da verhältnismässig wenig verhaltensgestörte Hunde in der Gesamtpopulation vorzuweisen sind, gibt es hier vielleicht auch ein Dienstleistungsproblem mit der Enge des vorhandenen Marktes? Man geht von ca. 3% verhaltensgestörten Hunden in Deutschland aus. Die Zahl ist schon etwas älter und mag sich etwas nach oben verschoben haben. Für die Vielzahl an Verhaltenstherapeuten bleiben unter dem Strich nicht allzu viele Hunde übrig. Es kann auch sein, dass sich 34 Verhaltenstherapeuten einen kranken Hund teilen müssen. Wie gesagt, der Markt wird enger!

Mit Statistik ist es ja auch so eine Sache. Wer gibt sie in Auftrag, wer hat ein Interesse an einer größeren Zahl verhaltensgestörter Hunde und welche Kriterien ziehe ich deshalb zur Beurteilung heran? Allein ein Pharmakonzern, der seine Produkte für medikamentöse Verhaltenstherapie (die Welle kommt erst noch nach Deutschland!) auf den Markt bringen will, hat das Geld für eine derartige Untersuchung und ein starkes Interesse an „kranken Hunden“. Wird eine Statistik von dieser Seite geführt, ist die Zahl sicherlich bedeutend höher. Deswegen aber nicht richtiger!

Ich kann noch viel dazu schreiben und räume immer ein, gewisse Argumente und Blickwinkel neu zu diskutieren, wenn sie denn vorhanden sind. Lobbyistentum ist kein Argument.

Ich sehe die Verantwortung der Hundetrainer zum großen Teil darin, Hundeerziehung weder zu einer Trickserei, noch zu einem lernthoretischen Kunststück auf Kosten der Hunde und Hundehalter werden zu lassen. Hundeerziehung ist ein ehrenwertes Handwerk und um es nicht in Verruf zu bringen, muss an der Qualität der Inhalte noch einiges verändert werden. Eine Gesellschaft, in der es am Ende mehr Verhaltenstherapeuten als Erziehende gibt, macht mir große Sorgen!
Weitere Kolumnen von Michael Grewe
Im Grunde leben wir doch, was das Soziale angeht, ineiner relativ körperlosen Zeit. Körperlichkeit ist eherverpönt und gelingt vielen Menschen weder im Gutennoch im Bösen. Von Schmusen und Streicheln bis hinzum Festhalten und Begrenzen, fällt es Menschen schwer,damit unkompliziert aus dem Bauch heraus zu handeln.Und am Ende gehört doch alles irgendwie zusammen.Dann wird umfassend erzogen oder entwickelt.
Im Spiel der Welpen untereinander kann man auch beobachten, wie sie ihr gesamtes angeborenes Verhalten völlig durcheinander und auch der Situation nicht angepasst zeigen. Hier vermischen sich die so genannten Funktionskreise. Beschränken wir uns auf Jagd- und Aggressionsverhalten, haben wir es beim Jagen mit dem Funktionskreis des „stoffwechselbedingten Verhaltens“ zu tun.
Häufig bleibt keine Zeit für das so wichtige soziale Lernen. Aggressionen sind verpönt und werden sofortunterbunden. Der Welpe kann nicht mehr lernen, waser unbedingt lernen muss: mit seinen Aggressionenumgehen!
Um Spielverhalten haben sich Wissenschaftler aus denBereichen der Entwicklungspsychologie, der Pädagogik,der Verhaltensbiologie und der Soziologie Gedankengemacht. Niemanden wird es überraschen, dass sichdie unterschiedlichen Fachbereiche nicht in allem einigsind. Doch es gibt grundsätzliche Übereinstimmungendarin, Spielverhalten zu definieren, um somit zu beschreiben,was Spiel überhaupt für eine Funktion hat und wie Spiel aussehen kann. Auch was dabei mit und zwischenden Spielenden von außen unsichtbar geschieht.
Allein das Wort lässt bei einigen Menschen den Puls schneller schlagen.Im zweiten Teil zum Thema Aggression geht Michael Grewe vor allem auf die einzelnen Lerntheorien ein: Welche gibt es und welche sind sinnvoll?
Allein das Wort lässt bei einigen Menschen den Puls schneller schlagen.Erlebte Aggression führt dann häufig zu weiteren körperlichen Reaktionen, Angst setzt ein und es kommt zu Handlungsunfähigkeit (Angst lähmt) oder nicht selten zu übersteigerten Handlungen...
Der Hund stammt vom Wolf ab. Er hat wölfische Wesensmerkmale und Bedürfnisse. Aufgrund dieser Abstammung hat er die folgenden Rechte, obwohl er ein Mitglied unserer Gesellschaft ist. Hundehalter, Züchter und Ausbilder sind aufgerufen, sich diese Rechte stets gegenwärtig zu halten
Im folgenden Text möchte ich einige meiner Gedanken und Erfahrungen, die ich als Hundetrainerin 25 Jahren sammeln konnte, dem Leser zur Diskussion stellen. Meine kritischen Erläuterungenhierbei sind nicht gegen den einzelnen Hundetrainer bzw. Verhaltenstherapeuten als Person odergegen eine einzelne Hundeschule gerichtet, sondern sollen vielmehr den „Zeitgeist“ in Bezug aufHundeerziehung in unserer Gesellschaft ansprechen (ich bin ein Teil davon!).
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