Mensch mit Hund

Seit mehr als 13 Jahren hat die ehemalige Hardlinerin in der Hundeerziehung viele Erfahrungen gesammelt.
Aus dieser Erfahrung heraus gründete sie vor 10 Jahren eine Hundeschule, die von Anfang an auf Gewalt
verzichtet. Heute lebt sie mit Ihrer Lebensgefährtin und ihren sechs Hunden, von denen 3 stark sehbehindert
oder ganz blind sind, in Oberbayern.
Tacos Nase
...oder wie man sich irren kann

Es ist ein wunderschöner Herbstmorgen im Oktober, die Sonne scheint, das Herbstlaub leuchtet in den wildesten Farben.Es ist Zeit, die Hunde zu lüften und bei dem tollen Wetter wird das ein Gassigang, der das Herz erheben wird. Eigentlich will ich ja nur die vier mobilen Hunde Wonda, Chili, Taco und Felix mitnehmen,aber Opi freut sich derart und lässt sogar einen seiner sehr seltenen, kleinen Wuffer los, weil er meint, er darf mit, dass ich mich entschließe, Opi nebst Buggy auch einzupacken. Fünf Hunde, das geht schon. Ich bin ja erfahren.

Das war Fehler Nr. 1. Hatte ich mir doch gesagt, dass, egal wie sehr Opi auch mit will, ich nie mit den vier mobilen Hunden und Buggy-Hund gehen sollte.

Wir fahren ins Ried gleich hinter dem Gewerbegebiet, da wo das Schild „Hunde müssen an die Leine“ steht. Wie immer leide ich beim Losgehen unter temporärem Analphabetismus und nehme nur Felix an die Flexi am Bauchgurt und Taco an die Schleppleine.Taco ist sehr interessiert an diversen Düften, auffällig interessiert und sehr unruhig. Ich denk mir nichts dabei, denn der checkt ja eh nichts mehr nach seinem zweiten Schlaganfall und außerdem hat es doch in der Vergangenheitganz gut geklappt mit dem Schleppenlassen der Schleppleine... Dieser Gedanke ist Fehler Nr. 2.

Wenn zwei Augen einfach zu wenig sind


Buggy aus dem Auto holen, Opi erst mal schnüffeln lassen, dann in den Buggy setzen. Kottüten in die Ablage und Leckerlis einstecken und es kann losgehen. Die Sonne scheint noch immer wunderbar, ich freue mich auf die Tour mit den Hunden.Kann ich ahnen, dass es keinen Grund zum Freuen gibt…? Ich vergesse Tacos Unruhe direkt am Auto. Das ist dann Fehler Nr. 3.

Ich schlage den Weg nach rechts ein. Taco folgt wenig später mit fliegenden Ohren und einem breiten Grinsen und holt sich ein Leckerli ab. Wir bummeln los, die goldene Herbstsonne scheint mir und den Hunden aufs Haupt und ich freu mich für Dackelmix Opi,dass er mitdurfte und seinen Lebensabend genießen kann. Schade, dass er so schlecht zu Fuß ist, ich würde ihm ausgiebigere Schnüffeltouren gönnen. Kann ich ahnen, dass genau diese Fußlahmheit wenig später ein Segen ist…?





Meine Wahrnehmung, meine Wahrnehmung, meine Güte, da muss ich aber dran arbeiten… Ein Auto mit einem muffelig zu mir schauender Mann am Steuer saust auf dem Feldweg viel zu schnell an meinem Tross vorbei. Der Mann war als Jäger verkleidet.

Wonda und Chili mäuseln und sind guter Dinge. Immer wieder will Opi aussteigen, riechen und markieren. Ich hebe ihn raus, gehe ein paar Meter, und wenn sich der Herr ausgeschnuffelt hat, hebe ich ihn wieder rein, gehe weiter. Und versäume total, nach Taco zu schauen.Mein Unterbewusstsein schickt mir einen kurzen Gedanken. „Wild“. Aber ich denke, nöö, doch nicht um diese Uhrzeit! Es ist zehn Uhr, da sind doch keine Rehe hier. Nöö, alles okay.

Von wegen „behindert“…


Und dann sehe ich Taco. Oder besser gesagt nur seine Rücklichter und ich werde auf einen Schlag nervös. Da läuft kein fröhlicher, zügig vor sich hin schnüffelnder behinderter Beaglemix, der zehn Jahre seines Lebens in einem italienischen Tierheim sein Leben fristete und von Jagen sovielAhnung hat wie ein Eichhörnchen vom Stricken…. Das, was da läuft und wie Taco aussieht, ist ein Hochleistungsjagdhund mit enormer Nase, konzentriert auf einer verdammten Wildspur. Ansprechbar ist er Null, das Adrenalin quillt ihm förmlich zu den Ohren und Augen raus, das kann ichvon hier aus sehen! Inzwischen liegen locker 50 Meter zwischen uns. Ich flöte und rufe, pfeife und fluche und freue mich, dass auf meinem Poloshirt nicht „Hundeschule“ steht, denn ich mache grad irgendwie so gar keinen kompetenten, souveränen Hundetrainereindruck.Und ich missachte die goldene Regel „Wenn der Hund nicht mehr ansprechbar ist, dann sprech ihn auch nicht an, denn sonst wird dein Rufen zum atmosphärischen Hintergrundrauschen“. Ich fange gelinde gesagt an zu rotieren.

Da vorne Taco, voll auf Spur, Chili buddelt nach Mäusen, Wonda schaut Taco hinterher, Felix wird unruhig an der Flexi. Es hilft nichts, ich muss Taco holen. Ich habe eine kleine Chance ihn zu erwischen, denn er läuft nicht gradlinig von mir weg, sondern in Schlangenlinien, so dass ich, wenn ich recht schnell renne,ihn so weit einholen könnte, dass er mein Rufen doch mitbekommen kann. Ha, der Brüller, als wenn er checken würde, was ich von ihm will, wenn seine Endorphine überkochen! Aber irgendwas muss ich tun und so setze ich erst Opi auf den Boden, damit der nicht aus dem Buggy springt und sich seine Gelenke endgültig schrottet,dann renne ich los Richtung Jagdbeagle und Felix rennt begeistert mit. Opi rennt nicht, wie auch. Der würde 100 Meter im Galopp nur mit anschließendem Herzinfarkt schaffen.
Um den muss ich mir jagdtechnisch wenigstens keine Sorgen machen und das tröstet mich grad ein wenig. Das ist aber auch das einzig Tröstende an der Situation, aber ich bin für Kleinigkeiten dankbar.



Bambi am Vormittag


Und dann denke ich, ich bin im falschen Film, denn aus dem Gebüsch an der Linie zwischen zwei Feldern, hinter dem Taco gerade grade verschwunden ist, springt ein Reh und hechtet in großen Sätzen davon. Verdammter Mist, verdammter! Ich drehe mich zum Wonda um und – na klar – sie hat das Reh auch gesehen. Ich denke nur „Wonda – Reh – Hetzen – Chili mit – Taco auf Spur – Felix an der Flexi – Jäger vorhin vorbeigefahren – was soll ich tuuuun?“Aber Wonda bleibt absolut ruhig, geht nur ein paar Schritte vorwärts. Vor ein paar Jahren hätte das noch anders ausgesehen, aber in die Jahre gekommen ist ihr diese ganze Chose wohl inzwischen zu anstrengend geworden. Wie schööön! Ich schaue wieder zu Taco, der jetzt vom Gebüsch wegläuft, aber in die andere Richtung, nicht dem Reh hinterher. Nicht dem Reh hinterher, aber ein zweites flüchtet los.Jetzt merke ich, dass Taco doch- Gott sei Dank, hier ist es endlich mal nützlich – nicht alle Schnittchen auf der Platte hat, denn er rennt noch immer Zickzack über die Felder und scheint das Reh nicht gesehen zu haben. Oder er hat es gesehen, aber seine eingeschränkte Wahrnehmung verhindert, dass er es auf Sicht verfolgt. Auf der anderen Seite der beiden Wiesen ist ein Feldweg, und da fährt justament jetzt der Jäger vorbei… Und von rechts kommt eine Wanderergruppe mit Hund, dem Herrn sei Dank!

Auch wenn ich hier sonst gerne meine Ruhe habe, so kommen mir die vier jetzt wie gerufen, wie Engel, wie Retter in höchster Not.Ich brülle „Festhalten, festhalten, wenn er bei Ihnen ist!!“ und renne weiter, die Zunge hängt mir am Boden. Und Taco, dieser menschen- und hundefreundliche Kerl, lässt Spur Spur sein und läuft zum Hund hin und schnüffelt ihn an. Ein Wanderer steigt auf die Schleppleine, ich bin jetzt da und übernehme den Hund. Ich pflege keine wildfremden Leute zu küssen und zu herzen, aber hier wäre es echt mal angebracht gewesen.Ich notlüge „Der Hund hat sich losgerissen, der ist behindert, der checkt nichts!“ und schäme mich ein wenig dafür, dass ich nicht offen sagen kann „Ich bin Hundetrainerin, habe meine Hunde heute grottenfalsch eingeschätzt und bin saublöd! Sie dürfen mich hauen!“

„Hach, da kommen ja noch zwei Hunde. Sind das auch Ihre?“ fragt einer der Wanderer. Äh, ja, das sind auch meine, denn Wonda und Chili kommen mit hängender Zunge an. Mir pocht das Herz noch mal bis zum Hals, als Wonda schnurstracks an mir vorbeiläuft, genau in die Richtung, in der ich das Reh das letzte Mal gesehen habe. Aber sie will nur die kleine Hündin der Gruppe beriechen und ich atme auf. Selten habe ich mich über Hundekontakt so gefreut wie jetzt!

Blödheit macht schlechte Laune!


Auf dem Rückweg zu dem kleinen roten Punkt weit weg von uns, der „Opi“ heißt, wahrscheinlich ganz unglücklich neben seinem Buggy hockt und denkt, ich hätte ihn in der Pampa ausgesetzt, werde ich immer ungehaltener. Taco zieht und zerrt von rechts nach links und von links nach rechts, er analysiert noch immer die Spuren. Ich will nur meine Ruhe und wieder zu Atem kommen und merke, wie ungerecht ich werde. Die blöde Herbstsonne knallt auf uns runter, ich schwitze und verfluche mein Unterhemd,das jetzt eindeutig ein Kleidungsstück zu viel ist. Ist nun Herbst oder Sommer?! Nicht mal auf Petrus ist Verlass! Ich schnauze Taco bei der nächsten Zerraktion an, der arme Knopf hält den Kopf schief – und geht wieder auf die Spur, Gene sind halt Gene. Erschöpft kommen wir bei Opi an, der sich wie blöd freut, dass wir uns anscheinend eines Besseren besonnen haben und ihn wieder mitnehmen wollen. Auf der nächsten Bank verschnaufe ich,schreibe eine SMS an meine Freundin und berichte ihr von dem Gassigang, der keiner war. Eher so eine nervtötende Hinterherrennerei, weil ich zu blöd war, gleich zu checken, dass die Hunde ganz klar von Anfang an gesagt haben „Wir riechen was, was du nicht riechst!“

Wer im Glashaus sitzt…


Predige ich nicht immer meinen Kunden, sie sollen die Augen offen halten, ihre Hunde sehen und vorausahnen, was sie vorhaben? Ärgere ich mich nicht immer über Kunden, die das nicht beherzigen und deren Hunde dann Erfolgserlebnisse haben, die sie nicht hätten haben sollen, weil sie so selbstbelohnend sind. Dass man mit der ganzen Mühe des Antijagdtrainings nach so einem saudummen Patzer quasi noch mal von vorne anfangen kann?Ich nehme mir vor, wieder mehr Verständnis für die Kunden zu haben. Und ich nehme mir vor, dass ich Tacos Schleppleine nie wieder loslasse, zumindest nicht, wenn ich so wenig Aufmerksamkeit für ihn habe wie heute. Buggy + Opi + vier mobile Hunde ist einfach eine No-go-Kombi, die zu nichts führt. Oder zu Rehen. Oder Verletzungen. Bei Tacos letztem Jagdausflug Anfang des Jahres ist immerhin ein netter Kreuzbandriss und eine Tierarztrechnung von rund 1000 Euro dabei herausgekommen.So etwas brauche ich so nötig wie einen Kropf, und das erst recht nicht zweimal!

Kurz vor dem Auto hocken vier Erwachsene auf der Bank und ein Mann sagt „Oh mein Gott, fünf Hunde!“ Ich knurre ihn an „Wieso Oh Gott?!“ Der Mann grinst und sagt „Weil sie da ja ganz schön überfordert sind!“. Iiich? Überfordert?? Unverschämtheit! Ich verfrachte die Hunde ins Auto und fluche vor mich hin.


Zwanzig Minuten später, zuhause.

Ich habe mich wieder beruhigt, die Hunde schlafen glücklich und zufrieden und träumen von der Jagd, die Herbstsonne scheint warm und wunderbar, beleuchtet das rotbraune-goldene Laub. Es ist doch ein schöner Tag. Okay, es war ein Gassigang, den keiner braucht, aber sei’s drum – es kann nur besser werden. Bilde ich mir mal ein.















© Franziska Feldsieper
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