Mensch mit Hund

Seit mehr als 13 Jahren hat die ehemalige Hardlinerin in der Hundeerziehung viele Erfahrungen gesammelt.
Aus dieser Erfahrung heraus gründete sie vor 10 Jahren eine Hundeschule, die von Anfang an auf Gewalt
verzichtet. Heute lebt sie mit Ihrer Lebensgefährtin und ihren sechs Hunden, von denen 3 stark sehbehindert
oder ganz blind sind, in Oberbayern.
Rohfütterung...
oder Anleitung zum Jagen

Unsere Hunde jagen wie Seuche. Alles! Kälber, Kühe, Ochsen, Stiere, Hühner, Puten und natürlich Fische. Und Rehe. Also, nein, genau gesagt tun sie das natürlich nicht, aber sie müssten es tun. Wenn man den Warnern in Sachen Rohfütterung Glauben schenken dürfte, denn einem nicht ausrottbaren Vorurteil nach zu urteilen macht rohes Fleisch Hunde ja wild. Und zu Jägern. Zu gefährlichen Jägern, die schon beim ersten Bissen gewolften Rindfleisches oder gar eines blutigen ganzen Stück Fleisches zu marodierenden Herdenkillern mutieren.

Wie muss ich mir das rein biotechnisch überhaupt vorstellen? Diffundiert beim Fressen des Fleisches ein wenig der DNA des verspeisten Tieres durch die Zellwände der Schleimhäute direkt in die DNA der Zellen des Sofawolfes, verändert dort das Erbgut und schon ist der Hund ein Jäger, auch wenn ihm vorher das Verfolgen einer Beute oder Spur schnurzegal war? Und wenn er das nächste Mal an einer Kuhweide vorbeikommt, dann überkommt ihn zwanghaft der Tötungstrieb und er muss Lisa oder Marie oder wie die Kühe eben heißen, an den Kragen? Oder er muss nach einer Mahlzeit frischer Forelle in den nächsten Bach stürzen, unter Wasser nach den Fischen Ausschau halten und einen abgreifen, auch wenn ihm Wasser ansonsten eher widerlich war? Und was bedeutet das Verfüttern von Seefisch dann für die Entspannung beim nächsten Urlaub auf Langeoog?? Und was passiert, wenn ich mich in Finger schneide und der Hund das dann versehentlich ableckt…?

Oder ist es doch nicht in der DNA?


Okay, das mit dem Jagen von Rehen, das hatten wir bei Wonda wirklich mal. Ist aber schon lange her, da war sie noch jung und knackig und ich doof und unerfahren. Aber was merkwürdig ist: Damals hat sie noch Trockenfutter bekommen… Frisches Rehfleisch war damals noch nicht auf dem Speiseplan, wieso also hat der Lumpenhund dann… Und wieso hat sie sich auch nach Einführung der Rohfütterung bei meinen Wuffelns trotzdem nicht für Hühner oder gar Kühe interessiert. Oder für Fische? Und wieso haben Fjodor und Pablo, die im hohen Alter verstorbenen Hunde meiner Partnerin Michaela überhaupt nienicht gejagt, dabei wurden die doch schon Jahre roh gefüttert, als ich sie kennenlernte? Die haben die Kühe, die hier überall auf den Wiesen grasen, nicht mal mit dem Allerwertesten angeschaut. Waren die Hunde vielleicht krank? Vielleicht haben sie einfach nur nicht gewusst, dass sie nun jagen müssten, vielleicht hat die DNA-Mutation bei ihnen versagt. Manchmal hätte ich mir gewünscht, Rohfleisch würde einen Hund zum schnellen Jäger machen, denn dann wäre mein doch sehr gemütlicher Pekinese vielleicht auch mal aus den Puschen gekommen. Der hätte ja selbst einen Hasen, der direkt vor ihm saß, nur wahrgenommen, wenn die Aussicht bestanden hätte, dass er ihn hätte rammeln könne. Das war damals, als Winni seine Eierchen noch hatte, denn da bestimmten Hormone sein Lebenstempo und seine Interessen und nicht Rohfleisch. Heute hat er die Dinger nicht mehr, kriegt Rohfleisch und kommt trotzdem nicht auf Touren. Wieder ein ungelöstes Rätsel der Kynologie.

Also woher kommt’s denn, dass meine Kunden mich immer wieder entsetzt anschauen, wenn ich Rohfütterung empfehle? Und vielleicht meinen, ich würde überhaupt erst provozieren, dass ihre Hunde das Jagen anfangen und dann ein schönes Antijagdtraining verkaufen. Oder jeden Passanten angehen, weil sie schon mal ein Rindergulasch roh bekommen haben und nun wild und böse sind. Immer und zu allen. Sozusagen Rohfütterung als Existenzgrundlage der Hundeschule. Wenn es doch so einfach wäre: Kein Rohfleisch, keine Jagd, keine Aggression. Menno, das wär was! Dann würden sich auch die heftigsten genetisch zur Jagd veranlagten Jagdterrier, Vorsteher und Co gemütlich in die Wiese oder in den Wald fläzen, wenn ein Reh vorbeihetzt, ihm einen guten Tag wünschen und nicht mal ahnen, was man mit diesen Tieren machen kann, weil sie ja bloß getrocknete Fleisch-Getreideboller aus der Tüte bekommen. Oder gekochtes Fleisch aus der Dose. Wobei, das ist dann ja noch etwas frischer, ist da dann noch mehr Jagdtriebgefahr drin? Würde das für eine kleine Hetzjagd reichen, aber nur für eine kleine. Sagen wir mal so hundert Meter und dann sagen die Gene des Hunde „Nu is jut, nun gehst du pinkeln!? Ach Quark, so ein Unsinn! Der Jagdtrieb ist genetisch festgelegt und muss erzieherisch und auslastungstechnisch in die Bahnen gelenkt werden und reduziert sich auch nicht durch die Fütterung von Fertigfutter. Wenn das so wäre, dann würde garantiert schon längst auf den bunten Tüten der Futtermittelindustrie stehen „Mit Anti-Jagdgarantie“, denn das würde sich verkaufen wie Hölle. Übrigens hält sich auch hartnäckig das Gerücht, dass getrocknete Knabbersachen wie Rinderohren mit Haaren oder Kälberfüße zum Jagen verleiten. Klar, kaum kommt ein Hund auf einer Wiese vorbei, sieht eine Kuh mit dem Ohr wackeln, schon ist es geschehen…

Es wäre so einfach, wenn…


Nein, nein, Ihr Lieben, so einfach ist es leider nicht. Wenn Ihr einen jagdlich veranlagten Hund habt, dann seid Ihr gefragt. Gedanken machen, sinnvolles Training, eine schöne, anstrengende, aber auch erfolgversprechende Arbeit, die Hund und Mensch zusammenbringt. Wenn Ihr fleißig seid. Und das mit dem „Bösewerden bei Rohfütterung“ kommt wohl daher, weil früher die Kutschpferde, wenn sie auf der Tour verstarben, nicht andächtig beerdigt wurden, sondern liegenblieben, von den meist ausgehungerten Hofhunden der Umgebung gewittert und dann gefressen wurden. Und wenn denen ein Mensch zu nahe kam, wenn es endlich mal was richtig Gutes und das auch reichlich zu fressen gab, dann konnten diese Damen und Herren Streuner- und Hofhunde schon recht, na sagen wir mal, „ungemütlich“ werden. Und dann kam bei den Menschen flugs die Verknüpfung: „Hund frisst rohes Fleisch - Hund wird böse – ergo: Rohfleisch macht böse“. Das ist jedenfalls die Version, die ich mal von einer langjährigen Rohfütterexpertin hörte und irgendwie leuchtet mir das auch ein. Jagdverhalten wird durch bestimmte Bewegungs- oder Duftreize ausgelöst und nicht durch ein blutiges Stück Fleisch im Napf, so isses nun mal. Wenn nun also ein Hund einen erschrockenen Waldarbeiter durchs Unterholz jagt und beißt, was hatte er denn dann nach dem Vorurteil zu folgern vorher im Napf…? Natürlich ein Holzfäller-Steak!

Die Rohfütterung hat für die Besitzer eines jagdlich orientierten Hundes aber natürlich schon einen Riesennachteil, sofern ihm oder ihr die Jagerei und die damit verbundene Erziehungsarbeit auf den Senkel geht. Rohfütterung ist gesund und die Hunde können sehr alt dabei werden. Und das bedeutet, dass bei mangelndem Training der Hund auch im hohen Alter gerne noch mal zu Rehen und Hasen abstartet, weil er so verdammt vital und agil ist und Jagen ihm Spaß und macht und sein Herrchen oder Frauchen schon wieder verpennt hat, dass sich da was tut im Unterholz oder auf der Wiese. Oder nicht gesehen hat, dass sich der Hund längst auf einer interessanten Spur festgesaugt hat und nicht rechtzeitig gestoppt und umgelenkt wurde. Dann hat man halt 15 Jahre oder länger seinen Jäger im Haus. Schon blöd, gell? Aber wollen wir nicht alle, dass unsere Hunde alt werden? Nun denn, wir jedenfalls füttern weiter roh, freuen uns über unsere alten Knacker, die noch fit sind und ich habe die Hoffnung auch längst aufgegeben, dass Winni nach einer Mahlzeit „gewolftes Huhn mit Gemüse“ doch noch mal in Wallung kommt, wenn Henne Berta auf dem Nachbarhof gackert. Der will einfach nicht rennen. Blödes Rohfutter!

© Franziska Feldsieper
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Ich freue mich, dass Euch nun ein bis zweimal pro Monat mit meinen Kolumnen zum Lachen oder auch zum Nachdenken bringen darf. Ihr dürft gespannt sein.
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