Mensch mit Hund

Seit mehr als 13 Jahren hat die ehemalige Hardlinerin in der Hundeerziehung viele Erfahrungen gesammelt.
Aus dieser Erfahrung heraus gründete sie vor 10 Jahren eine Hundeschule, die von Anfang an auf Gewalt
verzichtet. Heute lebt sie mit Ihrer Lebensgefährtin und ihren sechs Hunden, von denen 3 stark sehbehindert
oder ganz blind sind, in Oberbayern.
Der Welpenschutz
oder "Der ist doch noch so klein und lieb"

Annalena ist ein kleines Kind, drei Jahre alt, sie kann prima laufen und auch schon sprechen. Und sie nervt. Sie nervt Steffi, 25 Jahre, die einfach nur im Liegestuhl liegen will und lesen. Annalena zupft an ihr herum, bemalt sie mit Filzstiften, rennt dauern um sie herum und ruft ihr permanent zu, sie solle endlich mit ihr, dem süßen Kleinkind, spielen. Annalenas Mutter schaut ihrem aufgeweckten Nachwuchs begeistert zu und Steffi schnauft tief durch. Sie schickt genervte Blicke zu dem kleinen Balg hinüber, murmelt, sie solle sich gefälligst jemand anders suchen zum Spielen und wird auch ein wenig ungehalten, aber nie grob. Annalena tobt auf Steffis Handtuch herum und legt sich dann wieder direkt neben die junge Frau und streckt ihr die Zunge heraus.

Und Steffis Mutter ist sehr stolz auf ihre Tochter, die sich so trietzen lässt und dem süßen Kleinkind alle Freiheiten der Welt lässt. Aber am nächsten Tag reicht es Steffi und als auch die ziemlich klaren Worte, mit denen sie Annalena in die Schranken weisen will, nichts bringen, schnappt sie sich das Rotzgör, schubst es in eine Ecke, fährt es an und macht ihm klar, dass es sich noch viel mehr Ärger einhandelt, wenn es auch nur wagt, noch einmal in ihre Nähe zu kommen!

Alle sind entsetzt, besonders Steffis Mutter. Ihre Tochter ist ein Monster, wahrscheinlich muss sie in ein Umerziehungslager, um ihre Gewalttätigkeit in den Griff zu bekommen, wie grauenhaft. Kann sie dieses junge Mädchen noch lieben? Und Annalena? Die heult und kreischt infernalisch, humpelt ein wenig und wird von ihrer Mutter getröstet, wie jemand so gemein zu ihr sein kann, wo sie doch gar nichts getan hat… Und sie wird einen Psychologen engagieren, damit Annalena keinen Schock fürs Leben hat und ihrerseits ein Monster wird…

Kommt Ihnen die Szene komisch vor? Wenn wir davon ausgehen, dass es sich wirklich um Menschen handelt, wäre es gelinde gesagt befremdlich, denn wer würde sich von einem Kind, das keine Grenzen zu kennen scheint, derart nerven lassen? Und Annalenas Mutter hätte längst eingegriffen, es sei denn, sie gehört zur Spezies „Antiautoritär erziehendes Elternteil“. Ich übersetze solche Leute aber gern mit „Ich hab als Eltern keine Lust, mir Gedanken zu machen, wie ich Grenzen setze und tarne meine Faulheit als Liebe zum Kind“. Umsichtige Eltern hätten ihr Kind längst weggeholt, ihm etwas zum Spielen angeboten oder selber etwas Interessantes mit ihr gemacht. Uns Steffis Mutter hätte sich gewundert, wieso ihre sonst so selbstbewusste, erwachsene Tochter sich solche Frechheiten gefallen lässt und hätte sich vielleicht auch gefragt, ob Steffi krank sei…

Nerviges Kind – süßer Welpe??


Aber Annalena und Steffi sind keine Menschen, sondern Hunde und sie heißen Lara und Zita (Namen geändert, aber Situation real). Lara ist 12 Wochen alt und Zita 2 Jahre, also trifft hier ein Welpe auf eine gestandene Hündin. Zita hat einen geschlagenen Tag lang versucht, den aufdringlichen Jundspund zu ignorieren, hat beschwichtigt und auch mal gegrummelt. Und Lara hat sich als besonders lernresistent und kackendreist erwiesen und immer weiter genervt. Niemand hat eingegriffen, den Mörderanschiss, den sich Lara dann am zweiten Tag abgeholt hat, zu verhindern.

Und wer ist die Böse? Na klar, die „aggressive“ Zita, die nach der Meinung einer grad am Bauernhof vorbeikommenden Wandergruppe, auf der Zita und Frauchen Urlaub machten, nur noch mit Maulkorb laufen dürfte! Keine Ahnung, was passiert ist, aber’s Maul aufreißen, das haben wir besonders gern! Und Laras Frauchen hat nun Angst, dass ihr Prinzeßchen für die Zukunft verdorben ist… Zitas Frauchen war am Boden zerstört, als sie mir den Vorfall berichtete und meinte, sie hätte nun echte Probleme damit, ihre Hündin wieder zu lieben.

Von Legenden, die nie aussterben


Also, wenn ich mir so anschaue, was abläuft in der Welt der Begegnungen zwischen Welpen und erwachsenen Hunden, kann ich immer wieder nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und wenn ich dann den Satz „Der hat doch noch Welpenschutz!“ höre, kriege ich grüne Haare! Wie lange wird es noch dauern, bis alle Menschen begreifen, dass es Welpenschutz nur in gewachsenen Rudelstrukturen gibt, also mit den Elterntieren und anderen Mitgliedern des Rudels? Und dann auch nur bis 16 Wochen. Draußen, unter fremden Hunden, bleibt ein Welpe einfach ein junger Hund, den man als erwachsener Hund nicht zwangsläufig mögen muss! Aber nein, Welpen sind ja sooo süß und sie „tun doch gar nichts!“

Menno, doch sie tun was, sie nerven! Nicht immer, aber wenn doch und wenn der Welpenbesitzer dann merkt, dass sein Hundekind dem anderen Hund zuviel wird, dann hat er verdammt noch mal die Pflicht, seinen Hund aus der Situation rauszunehmen, bevor der Anschiss vielleicht zu heftig wird. Und der Besitzer des genervten Hundes hat verdammt noch mal die Pflicht, seinem Hund beizustehen und den Welpen selber abzuwehren, wenn sein Hund genervt ist und seine Beschwichtigungen und sein Ignorieren nichts bringt. Oder er hat zumindest den Welpenbesitzer unmissverständlich aufzufordern, den kleinen Lästling zu entfernen! Aber im Fall von Zita hat sich ihr Frauchen einfach nicht getraut und Laras Besitzerin musste es ja wissen, wie es geht mit dem Welpenschutz, denn sie hatte ja schon immer Hunde… Mein Vater hatte schon 20 Jahre lang den Führerschein, bis er kapierte, dass es die Rechts-vor-Links-Regel gib. Und das hat er auch nur begriffen, weil ihm von rechts fast einer rein gefahren wäre. Also, seit wann ist die Anzahl der Jahre der Hundehaltung ein Garant für vernünftigen Umgang mit dem Vierbeiner? Und dann dieses nicht ausrottbare: „Eine Hündin muss doch Welpen mögen und wenn nicht, dann ist sie verhaltensgestört!“ Das ist genauso dämlich wie die Annahme, jede Frau mag Kinder, nur weil sie prinzipiell auch selber welche kriegen kann. Ich mag Kinder sehr, aber nicht alle! Wenn ich meine Ruhe haben will, dann will ich meine Ruhe, Punkt. Und das sage ich dann auch klar und verständlich und niemand findet es komisch, dass ich mir meine Hosen nicht unwidersprochen mit Filzstift vollmalen lasse, nur weil das Kind das grade komisch fände…

Zitas Frauchen kann hoffentlich wieder ruhig schlafen, nachdem ich ihr erklärte, dass sie keinen gestörten, sondern sogar einen extrem langmütigen, geduldigen Hund hat. So ziemlich jeder meiner eigenen Hunde hätte spätestens nach einer halben Stunde dem Rotzlöffel von Hundekind gezeigt, wo der Frosch die Locken hat. Wenn ich es überhaupt so weit hätte kommen lassen, denn ich weiß, dass einige meiner Hunde Welpen nervig finden und dann sehr heftig reagieren können. Schließlich können sie kein Plakat schreiben auf dem steht “Ey, Du gehst mir auf den Senkel, verzupf Dich oder ich mach Dich so klein, dass Du unter dem Teppich Fallschirm springen kannst!“ und so können sie nur beschwichtigen, knurren oder dann halt heftig lospoltern, was ich tunlichst zu verhindern suche!

Also, errichten wir doch endlich mal einen virtuellen Grabstein mit der Aufschrift „Hier ruht der Welpenschutz. Es gab ihn nur selten, aber er wurde überall gesehen!“.

© Franziska Feldsieper
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Ich freue mich, dass Euch nun ein bis zweimal pro Monat mit meinen Kolumnen zum Lachen oder auch zum Nachdenken bringen darf. Ihr dürft gespannt sein.
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