Barbara Schilling Kolumne

Barbara Schilling, Autorin der Hundebuchreihe „Columbo“, schreibt für dogSpot humorvolle
und spannende Kurzgeschichten über ihren Golden Retriever Columbo,
dem Star der Buchreihe.
Sex(y) in the city
Wenn Columbo und ich Besorgungen machen, entwickelt sich unser kleiner Ausflug nicht selten zu einem wahren „Event". Denn nicht allein, dass mein hoch geschätzter Vierbeiner keine Gelegenheit auslässt, meine Coolness und nicht selten die der anderen Leute gleich dazu auf die Probe zu stellen, oft wird er auch noch ermutigt. Mit Schmatz- und Grunzlauten, die ans Unanständige grenzen, versuchen Passanten meinen Hundekönig zu sich zu locken. Genauso häufig trabt dieser erwartungsvoll auf sie zu, aber nicht, weil ihn die auditiven Auswüchse sich sonst erwachsen gebärdender Menschen angelockt haben, sondern weil die Lockrufe häufig von einer Tasche begleitet werden, die in ihm die unauslöschliche Hoffnung auf das Beste überhaupt wecken: FRESSEN. Ziehen die hundefellgeilen Menschen bei seinem braven Kommen jedoch keinen Snack aus der Tasche, sondern legen ihm nur besitzergreifend die Hand auf das goldene Haupt, ist er ebenso schnell wieder verschwunden wie er gekommen ist. No Keks no fun … .

Lieber pinkelt er in den Rinnstein als sich umsonst, das heißt ohne kalorienreiche Gegenleistung, den Kopf tätscheln zu lassen. Selbst ein Straßenmusikant bekommt eine materielle Anerkennung denkt er sich, schließlich lebe ich nicht allein von Luft und Liebe, und trollt sich ohne einen Blick zurückzuwerfen. Kommt dann endlich die Straßenbahn, dreht Columbo regelmäßig durch. Allerdings nur beim Einsteigen. Da weiß er nie, wie er die wahnsinnig hohe Stufe von 15 cm (!) erklimmen soll, dreht und wendet sich, bringt stuntreife Ausweichmanöver und will einfach nur nach Hause. Bevor wir überhaupt drinnen sind, sind wir beide so erschöpft, als hätten wir gemeinsam den Mount Everest bestiegen. Habe ich es aber erst einmal geschafft, ihn in den Waggon zu bugsieren, hellt sich seine Miene sofort auf. Hm, ist ja doch gar nicht so eine Teufelsmaschine, wo Frauchen mich hineingezwungen hat, ist sogar nett hier, denn es riecht interessant. Sympathische Menschen - und alle lächeln mich an -, so viele potentielle Leckerchenspender auf einem Fleck.

Und schon beginnt er seine Runde: Von einem Augenblick zum nächsten sind alle Phobien vergessen; das leichte Ruckeln der Bahn macht ihm nicht mehr das Geringste aus. Stattdessen setzt er sich in Bewegung, um sein Glück zu suchen. Wie ein Punk dreht er fröhlich schnorrend seine Runden, stupst jeden Fahrgast freundschaftlich ans Bein, um zu sagen: „Na los, Kumpel, rück mal was raus für mich." In der Regel schaffe ich es als spießige Steuer zahlende mehr oder weniger verantwortungsbewusste Hundehalterin, ihn von seiner Bettelei abzuhalten. Doch kaum gönne ich mir einen träumerischen Blick aus dem Fenster, geht's schon weiter: Er fordert (auf) - und nicht selten hat er Erfolg mit seinen tapsigen Freundschaftsbekundungen. Hartgesottene Hausfrauen, geizige Rentner und egoistische Schüler schmelzen angesichts seiner durchweg kuscheltierhaften Erscheinung dahin und fangen an, in Tüten und Taschen zu kramen. Plötzlich findet hier ein Stück Bifi und dort eine Schrippe den Weg zu Columbo. Noch bevor ich protestieren kann, liegt ein kleines Buffet vor ihm. Doch, wenigstens diese Erziehungsversuche haben etwas gebracht, er schaut mich an, und frisst erst, wenn ich nicke – zumindest in 80 Prozent der Fälle, na gut: Sagen wir in 50 Prozent … Leider hält in diesem Moment die Straßenbahn ganz abrupt und mein Kopf fliegt nach vorn. Sofort beginnt Columbo, die dargebotenen Opfergaben zu verschlingen. Mein „Nein" hallt nach in der Leere des nun lebensmittelfreien Waggons. Verschiedenste Blicke treffen mich: Columbos unschuldiger „Aber-du-hast-doch-Zeichen-gegeben" Blick, böse „Du-gönnst-ihm-aber-auch-gar-nichts" Blicke und vorwurfsvolle „Sieh-doch-mal-wie-dünn-der-arme-Hund-ist" und „Wir-werden-ihn-schon-nicht-vergiften" Blicke. Mit gesenktem Haupt verlasse ich die Bahn und flüchte hoffentlich unerkannt in den Trubel des Wochenmarktes.

Von überall her duftet und brutzelt es, Tüten rascheln, Kinder plärren, Eheleute zanken sich – ein ganz harmonischer Samstagvormittag in der City eben … Columbo, die gespannte Leine und ich mitten drin. Plötzlich ruckt es ganz gewaltig in meinem Arm. Oh nein, meine Fellnase hat eine Fährte aufgenommen und noch ehe ich über den Holzhocker mit Bioäpfeln springen kann, reißt er mich seiner Beute entgegen. Ein winziges Mischlingshäufchen, Entschuldigung -hündchen, ungefähr so hoch wie Columbos linkes Nasenloch, strahlt ihm bereits am Ende der kurzen Marktgasse entgegen. Kein Hindernis kann Columbos wilde Begierden bremsen, erst mein Überlebenstrick, Leine-um-Laterne-wickeln stoppt seinen chaotischen Liebestanz in Richtung der Leichtgewicht-Hündin. Ich atme schwer, die Leute starren uns an, der Händler schimpft und droht mit dicken Porreestangen zu uns hinüber. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt, denn die Hundebesitzerin, die die gleiche puschelige Frisur mit ihrem Hündchen, nicht aber dessen Vorliebe für große Hunde teilt, stakst nun provokativ geradewegs auf uns zu. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Columbo erhängt sich indessen artistisch an seinem Halsband; "versuchter Selbstmord mit Schnur" ist seine Königsdisziplin. Ich verzichte darauf, ihm erklären zu wollen, dass die beiden Hunde bei aller Liebe schon aufgrund dieses immensen Größenunterschiedes … Doch Columbos Gehirn ist völlig in die Hose gerutscht. Er hechelt wie ein Asthmakranker und sabbert wie ein Baby. Frauchen an Columbohirn …? Keine Chance. Nur weißes Rauschen.

Mit allergrößter Anstrengung gelingt es mir, meinen liebestollen Rüden auf einen anderen Weg zu verfrachten, da droht schon die nächste Gefahr: Columbo beschließt, sich direkt vor einem Vier-Sterne-Restaurant voller Touristen zu erleichtern. Die Leute sind bereits beim Kaffee und scheinen durchaus interessiert an der kleinen regionalen Darbietung „Hund und Frau in delikater Situation". Schon recken die Ersten sensationsheischend die Köpfe. In Windeseile hat sich das Schauspiel herumgesprochen. Wegziehen zwecklos; hier soll es sein. Ich könnte ihn höchstens wegtragen von diesem auserwählten Ort. In aller Seelenruhe sucht er sich die geeignete Stelle, ein Büschel Gras krönt den „Lokus", er rundet den Rücken und erledigt so in Hinkelsteinposition sein Geschäft. Die Zeigefinger und Ausrufe würdigt er nur eines gelangweilten Blickes. Seine halbgeschlossenen Lieder strahlen eine Ruhe und Zufriedenheit aus, als hockte er mitten im schönsten Zauberwald statt vor einem der vornehmsten Stadtrestaurants und der ganzen Reisebus-Bagage auf der Terrasse. Zerknirscht entfalte ich eine Hunde-Malheur-Tüte, ich spüre die Last der tausend Blicke. Columbos intensiver Duft steigt mir in die Nase und ich sehne mich wieder einmal nach Australien oder wenigstens in ein Erdloch …

Mein Hund zerrt zu allem Überfluss ungeduldig an der Leine, während ich versuche, seine Hinterlassenschaften von unvorteilhafter Konsistenz in die papierne Hundetüte zu bugsieren. Dieses Unterfangen von zweifelhaftem Erlebniswert ist mit dem labbrigen Pappschäufelchen aus dem Automaten gar nicht so einfach, da diese „Scheiß" Tüten (Verzeihung!) ausschließlich für die Mikro-Häufchen von Zwergpinschern und nicht für Monsterhinterlassenschaften von Golden Retrievern konstruiert worden zu sein scheinen. In diesen Momenten beginne ich die einst belächelte Werbung für Hundefutter mit dem Slogan „Füttern Sie kotreduzierend" in einem neuen Licht zu sehen. Ich stückle und schaufle und fluche und wünsche mir, niemals wieder den Kopf heben und in die schadenfrohen Gesichter schauen zu müssen. Doch das Glück eilt mir zu Hilfe: Von jetzt auf gleich hat ein immenser Regenschauer die Straße erfasst und vertreibt sämtliche schadenfroh angeekelt lüsternen Beobachter. Dankbar halte ich das Gesicht in den Regen. Dann macht es Plumps und ich starre ungläubig auf meinen Schuh. Das Wasser hat die Hundetüte durchweicht, so dass sie ihren nicht unerheblich voluminösen Inhalt nicht länger tragen konnte. Der nächste Ausflug wird uns ins Schuhgeschäft führen: sechs Paar Gummistiefel und ein Dutzend Plastiktüten „extra stabil".
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