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Deprivationssyndrom – Angstverhalten beim Hund

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Eintrag vom 25.03.2010

Was ist Angst?
Die Natur hat allen Lebewesen ein lebenswichtiges, köpereigenes Alarmsystem gegeben – die Angst. Gefahren sollen erkannt und adäquat darauf reagiert werden. Erhebliche Erregung und körperliche Prozesse, die bei Angst auftreten, setzen bei jedem eine Angstreaktion aus.
Das Alarmsystem beim Hund sagt als erstes: Versteck dich! Wenn dies nicht geht: Flüchte! Ansonsten: Kämpfe! Dies tut er anschließend auch. Ein Hund, der an Trennungsangst leidet, nimmt die Wohnung auseinander, obwohl aus unseren Augen dafür kein Grund besteht - für sein Alarmsystem schon.
Viele der unterschiedlichen Verhaltensweisen können so einfach erklärt werden, aber trotzdem sind auch viele Angstverhaltensweisen nicht durchschaubar, da die Angst kompliziert ist und der Hund sich nicht auf einer Couch therapieren lässt.

Den geringsten Stresspegel hat ein Hund, der sich fürchtet. Die Furcht ist eine mäßige Verhaltensreaktion des Hundes vor einem bekannten oder unbekannten Reiz, den er nur als wenig gefährlich betrachtet. Körperlich und psychisch ist er in der Lage, den Reiz zu erforschen oder zu flüchten.

Angst kann man als eine heftige Verhaltensreaktion vor einem bekannten oder unbekannten Reiz, den der Hund als sehr gefährlich ansieht, beschreiben. Er ist in dieser Situation weder psychisch noch körperlich zur Erforschung oder Flucht fähig.
Speicheln, Hecheln, erhöhte Herzfrequenz, Schwitzen an den Pfoten, emotional bedingten Harn- und Kotabsatz oder Entleeren der Analbeutel zeigt er in einer für ihn auswegslosen Lage als Symptome seiner Angst.

Zeitlich kurzfristige Reaktion der Angst vor einem genau definierten tatsächlichen Reiz wie bestimmte Geräusche, Männer, andere Hunde, und so weiter nennt man Phobie.

Dagegen ist Ängstlichkeit der andauernde diffuse Zustand der Angst vor wechselnden und vielfach minimalen Reizen in der Umwelt. Der Hund lebt mit einer Vorahnung und einer folgenden (übersteigerten) Wachsamkeit den kleinsten Veränderung der alltäglichen Umgebung. Je nach Stadium der Erkrankung reagieren Hunde sehr leicht reizbar und aggressiv, in einer ständigen Verteidigungshaltung gegenüber einer als feindlich angesehenen Umwelt, oder sie werden in ihren Verhaltensweisen immer stärker gehemmt und suchen Entlastung in Ersatzhandlungen wie dauerndes Trinken, Fressen, Pfoten lecken oder übersteigerter Bindung an ihre Bezugsperson.

Deprivationssyndrom
Die Gesamtheit der Symptome, die durch ein Aufwachsen in reizarmer Umgebung entstehen und die auftreten, wenn der Hund sich in einem Leben in einer komplexen und anregenden Umwelt befindet, nennt man Deprivationssyndrom. Durch Reizentzug in prägenden Phasen und/oder Misshandlungen kommt es zu einer Störung der Entwicklung und äußert sich durch geistige (auch körperliche) Unterentwicklung und Ängstlichkeit. Defizite in der Gehirnstruktur lassen den Umgang mit Umwelteinflüssen nicht oder kaum zu.

Die wichtigen und sensiblen Phasen in der Entwicklung eines Hundes sind die Sozialisations- und die Pubertätsphase. Während der Sozialisation (bis etwa zu 12. Woche) wird das erhebliche Programm der Gehirnentwicklung durch erste Erfahrungen mit der Umgebung beeinflusst. Schon während sich der Welpe im Mutterleib befindet, beginnt sich das Gehirn auszubilden, beeinflusst durch Berührungsreize der Mutter durch die Bauchdecke. Nach der Geburt entwickeln sich nach und nach langsam die Sinnesreize der kleinen. Kann der Welpe in dieser Zeit nicht möglichst oft seinen Sinne nutzen (z. B. in reizarmen Umgebungen), bleibt ein strukturelles Defizit im Gehirn für sein ganzes Leben, was nicht mehr nachzuholen ist. Er wird mit seiner Umwelt – der Welt des Menschen – immer überfordert sein, denn ihm wird das nötige Material dafür nicht mitgegeben.
Ab dem 5. Monat kann man von der Pubertätsphase sprechen, in welcher die körperlichen und psychischen Ausreifungsvorgänge stattfinden. Die Hunde reagieren sensibler und empfindlicher auf neues. Die kleinsten unangenehmen Erfahrungen können ein starken Einfluss auf die Entwicklung und das Weltbild des Hundes nehmen, deren Symptome sich vielleicht erst später zeigen.

Diese Ängste und emotionale Reaktionen, im frühen Alter entstanden, können sich mit zunehmendem Alter manifestieren, wenn nicht daran gearbeitet wird. Der Hund lebt in einem dauerhaftem Zustand des Stresses und Angst und lernt schnell in seiner angespannten und überwachsamem Situation, dass aggressives Verhalten eine nützliche Methode sein kann, sich alles was Angst macht, vom Leib zu halten. Diesem chronisch kranken Hund fehlt eine vernünftige Selbstkontrolle, die zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr für die Öffentlichkeit und unter Umständen auch für die Familie werden kann.

Wie lebt man mit einem ängstlichen Hund?
Das wichtigste im Leben mit einem ängstlichen Hund ist, dass man sein Verhalten nicht unterschätzt. Holt man sich einen Hund aus einem Tierheim und seine Ängstlichkeit ist noch nicht so bekannt gewesen, wie sie sich zu Hause aufzeigt, sollte man sich genau bewusst sein, dass es ein langer, steiniger und schwerer Weg sein wird, diesem Hund ein fast angstfreies Leben zu ermöglichen. Das Training kann sehr deprimierend und mit vielen Rückschritten geprägt sein, aber das Ziel ist es allemal wert. Kann man dem Hund nicht genügend Geduld und Zeit aufbringen, oder traut es sich selber nicht zu, sollte man den Hund wieder zurückgeben. Weder sich selbst, noch dem Hund ist ein Gefallen getan, ihn zu behalten.

Möchte man dem Hund an seiner Seite behalten und ihm die Welt zeigen, sollte man sich einen vertrauensvollen Trainer suchen, der Erfahrung mit unsicheren und ängstlichen Hunden hat. Zu Beginn ist die eigene Unsicherheit etwas falsch zu machen so groß, dass es nur die Angst des Hundes steigern wird. Ein Trainer kann den Rücken stärken, Übungen aufzeigen und Fehler korrigieren.

Der Hund benötigt einen souveränen und sicheren Führer, an den er sich halten kann und es auch machen wird, sobald das Vertrauen groß genug ist. Das Vertrauen in dem Hund-Mensch Gespann wir vor allem in der Arbeit zur Bezwingung der Angst eine unbedingte Voraussetzung. Die Möglichkeiten der Vertrauensbildung sind vielfältig:
- Handfütterung
- Streicheleinheiten (wenn der Hund dies als angenehm erachtet)
- gemeinsames Spiel und Spaß zusammen
- neues und ungefährliches entdecken, neue Wege gehen - gemeinsam
- Selbstbewusstsein aufbauen, Tricks beibringen und seinen Stolz über Leistungen zeigen
- Kontaktliegen (ohne Zwang)
- Trainingserfolge

Arbeitet man mit seinem Hund an der Angstbewältigung sollte man immer eine geringe Stressdosierung wählen und bei erfolgreicher Bewältigung der Aufgabe den Stresspegel in der nächsten Übungseinheit gering anheben. Schafft der Hund es noch nicht damit umzugehen, den Schritt wieder zurück gehen und länger an einer Stabilisierung arbeiten.
Das Ziel ist es, dem Hund andere Wege aufzuzeigen, statt sich in der Angst zu verkriechen oder aus Angst nach vorn zu gehen.

Ein Beispiel und eine Taktik (kann von Hund zu Hund unterschiedlich sein):
Hat ein Hund z. B. Angst vor Menschen, wählt man also Wege die nur sehr gering frequentiert sind. Da man nicht möchte, dass der Hund ängstlich auf einen Menschen reagiert, wählt man ein Alternativverhalten: in dem Fall soll der Hund bei Fuß laufen und den Hundeführer anschauen. Dies wurde auch schon in einer reizarmen Umgebung geübt und der Hund beherrscht es dort. Nun geht man diesen Weg mit ihm gemeinsam, zwischen dem Angstauslöser und dem Hund. Zeigt der Hund keine Angst, sondern das gewünschte Alternativverhalten, lobt man ihn mit seinem am meisten motivierendem Mittel (Leckerli, Spielzeug, verbales Lob – je nach Hund).
Die Übung darf am Anfang nicht so lange andauern, da es dem Hund sehr schwer fällt. Beendet wird eine Übung immer mit einem positiven Ergebnis und einem anschließendem angenehmen Abschluss, z. B. gemeinsames Toben.

Durch gering gesteckte Ziele und ein Training in einem kleinen Stressniveau bekommen Hund und Halter Erfolgserlebnisse, die das Selbstbewusstsein aufbauen.Bevor man eine Übung beginnt, sollten Ziel und die Durchführung klar sein. Auch Rückschritte dürfen nicht deprimieren, diese sind schon vorprogrammiert und müssen eingeplant sein. Viel eher sollen sie anspornen!
Stichworte: training, hund, ausbildung, angst

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gary7Premium
04.01.2011 00:40 Uhr

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